Der Stolperstein liegt an der Hauptstraße (Nordseite), östlich der Kreuzung Bachstraße’ Offizielle Adresse Bachstr. 2 

Braunsbach, hübsch im Tal des Flusses Kocher gelegen, hatte eine jüdische Tradition, die bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück reichte. Im Jahr 1843 lebten fast 300 jüdische Menschen im Dorf, danach kam es zu Ab- und Auswanderung, vergleichbar mit vielen anderen jüdischen Landgemeinden. Die meisten Braunsbacher Juden arbeiteten traditionell als Viehhändler, Krämer oder als niedergelassenen Kaufleute. Der Ort war ein Zentrum des regionalen Judentums: Seit 1823 Sitz eines Bezirksrabbinats, seit 1834 bestand eine jüdische Elementarschule.

Die Herkunftsfamilie
Falk Sahm wurde am 6. Mai 1870 in Braunsbach geboren, er hatte drei ältere und vier jüngere Geschwister, sein Vater, Salomon (Salmann) Löw (Löb) Sahm (1831-1893) war von Beruf Viehhändler, seine Mutter, Nanette, geb. Bernheimer ( 1833-1897) war Hausfrau. Der Familienname ‚Sahm‘ war in Braunsbach häufig anzutreffen, Falk hatte hier sogar einen zwei Jahre jüngeren ‚Namensvetter‘, was später zu allerlei Verwirrung in den Dokumenten führen sollte. Die Lebenswege der acht Kinder von Nanette und Salomon Sahm sind typisch für eine jüdische Familie aus dem ländlichen Bereich zu dieser Zeit. Falks ältester Bruder, der 1861 geborene Bernhard ist Beispiel für einen gesellschaftlichen Aufstieg durch Bildung: Bernhard studierte am Lehrerseminar in Esslingen und wirkte, von einem zweijährigen Aufenthalt in New York unterbrochen als Lehrer in Hohebach und Öhringen, wo er 1916 starb. Falks Brüder Maier und Jakob wanderten in die USA aus. Seine Schwestern Jetta, Regine und Gütele starben noch im 19. Jahrhundert, somit lebte seit 1916 nur noch Falks jüngste Schwester Lina (Leah) Sahm in Deutschland. Wir wissen nichts über Falk Sahms erste dreißig Lebensjahre, erst in einem Dokument aus dem Jahr 1904 findet sich der Hinweis, dass er mit ‚Ellenwaren‘ gehandelt habe. Gemeint sind noch nicht zugeschnittenen Stoffballen, die er als Hausierer seinen Kundinnen in der weiteren Umgebung von Braunsbach angeboten haben muss.

Die Frage nach der Vaterschaft

Kocherstetten liegt etwa 9 km von Braunsbach entfernt, auch dort hatte Falk Kundschaft, die er regelmäßig besuchte, Mutter und Tochter Sch. zum Beispiel. Johanna Sch., die Tochter, war 21 Jahre alt, ledig, evangelisch und von Beruf Näherin. Was in Zeiten schwieriger Empfängnisverhütung vielen jungen Frauen widerfuhr: Johanna wurde ungewollt schwanger und im März des Jahres 1904 Mutter eines Mädchens, das Emma getauft wurde. Im Dezember kam es zu einer Gerichtsverhandlung, in der geklärt werden sollte, wer als Kindesvater galt und damit zur Zahlung von Alimenten verpflichtet war. Neben Leonhard K., einem ledigen Maurer kam auch Falk Sahm ‚in Verdacht‘ und er musste sich gegen Wirtshausklatsch verteidigen: „ Ich habe mit der Kindsmutter nie Geschlechtsumgang gehabt, auch nicht in der kritischen Zeit. Ich kam allerdings öfters in das Haus der Mutter (von) Johanna Sch. … wenn ich nachher in die Ochsenwirtschaft kam, wurde ich öfters vom Ochsenwirt geneckt, ob ich es mit der Kindsmutter hätte. Je nachdem die anwesende Gesellschaft von Gästen beschaffen war, habe ich ja oder nein gesagt.“, so wird seine Aussage im Protokoll festgehalten.
Johanna Sch. und Falk Sahm beeidigten, dass sie keinen Geschlechtsverkehr miteinander gehabt hätten und das Gericht verpflichtete darauf hin Leonhard K. zur Zahlung der Alimente.


Göppingen: ein neuer Lebensabschnitt

Etwa im Jahr 1904 muss Falk Sahm nach Göppingen gezogen sein, in einem Dokument wird er hier als ‚Fabriktagelöhner‘ bezeichnet. Ob er von diesem Jahr an dauerhaft in Göppingen gewohnt hat, ist nicht belegbar. In den Göppinger Adressbüchern wird er erstmals im Jahr 1912 aufgeführt, als ‚Fabrikarbeiter‘, der in der Grabenstr. 35 gemeldet war. Im folgenden Adressbuch von 1914 taucht er mit der gleichen Berufsbezeichnung auf, aber mit neuem Wohnsitz in der Fischstr. 5. Was bewog Falk Sahm, sich in Göppingen nieder zu lassen? Falks Mutter Nanetta Sahm (1833 – 1897) war eine gebürtige Bernheimer und eine jüdische Familie gleichen Namens lebte auch in Göppingen. Allerdings konnten keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Göppinger Bernheimers nachgewiesen werden und der Grund für die Wahl Göppingens bleibt offen.

Ein Schlemil ?

Falk Sahms Göppinger (?) Leben wurde 1910 auf unangenehme Weise unterbrochen: Die Vergangenheit, genauer, die Gerichtsverhandlung zur Vaterschaft aus dem Jahr 1904 holte ihn wieder ein. Im Dezember 1910 wurde Falk Sahm nach Beschluss des Amtsgerichts Schwäbisch Hall in Untersuchungshaft genommen, die Begründung lautete: Verdacht auf Meineid. Aus der Untersuchungshaft heraus wurde er dann in die psychiatrische Heilanstalt Winnental (Winnenden) eingewiesen, wo man ihn als ‚Staatspflegling‘ unterbrachte. Da dazu nur ein einziges Dokument vorliegt, bleiben Fragen offen: Hatte der Untersuchungsrichter Zweifel an Falk Sahms Schuldfähigkeit und ließ ihn deshalb in die Psychiatrie einweisen? Hatte sich Falk Sahm selbst entsprechend verhalten, um einem Schuldspruch zu entgehen? In der Krankenakte wurde nämlich notiert: „Sahm ist ein außerordentlich schwach begabter Mensch“. Diese Diagnose verhinderte aber nicht, dass Falk Sahm am 9. Mai 1911 wegen Meineids verurteilt wurde, Anfang August des gleichen Jahres wurde er aus der Strafanstalt Schwäbisch Hall wieder entlassen. Während Falk Sahm mit Unterbrechung insgesamt acht Monate in Haft verbüßte, kam Johanna Sch. mit vier Monaten Haft in der Frauenhaftanstalt Gotteszell / Schwäbisch Gmünd davon. Auch sie wurde wegen des Meineids aus dem Jahr 1904 verurteilt. Emma Sch., die mutmaßliche Tochter von Falk Sahm und Johanna Sch., starb ledig und kinderlos im Jahr 1962.

Als Knecht im Pferde- und Viehhandel

War Falk Sahm in Braunsbach als fahrender Händler tätig, in Göppingen zunächst als angelernter Fabrikarbeiter, so fand er in den folgenden Jahre eine Anstellung als Knecht in der Göppinger Vieh- und Pferdehandlung ‚Gebr. Sinn & Fleischer‘ in der Gartenstr. 2, deren Eigentümer der jüdischen Gemeinde angehörten. (Siehe Stolperstein – Biografie Lotte Sinn link). Der Beginn seiner Tätigkeit dort ist nicht überliefert, als Anlass käme jeweils der Tod des Gesellschafters Moritz Fleischer im Jahr 1918 oder der Tod des Theodor Sinn in Jahr 1923 in Frage. Theodors Witwe Lotte Sinn, die das Unternehmen weiter führte, dürfte auf jeden Fall Unterstützung gebraucht haben. In seiner Göppinger Zeit hat sich Falk Sahm nicht nachweisbar in der Israelitische Gemeinde und ihren Vereinigungen eingebracht, zumindest wird er in Rabbiner Aron Tänzers Buch ‚Die Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen‘ nie erwähnt.
Falk Sahms Göppinger Arbeitgeberin Lotte Sinn dürfte alters halber Ende der 1920er Jahre in den Ruhestand getreten sein und Falk Sahm musste sich eine neue Arbeitsstelle suchen. Er blieb dem zuletzt ausgeübtem Beruf treu und zog im April 1929 nach Süßen, Landkreis Göppingen, wo er beim jüdischen Viehhändler Leopold Lang eine Stelle als Knecht antrat und in dessen Haus in der Hauptstr. 45 (damals Hindenburgstraße) auch eine Wohnung fand. Leopold und sein Bruder Louis (Lazarus) Lang betrieben seit 1925 einen erfolgreichen Viehhandel in der Landgemeinde Süßen, wo noch weitere jüdische Familien ansässig waren. Leider ist aus Falk Sahms Zeit in Süßen so gut wie nichts überliefert. Auch in den Erinnerungen der Familien Lang findet er keine ausdrückliche Erwähnung.
Kurz nach seinem 65ten Geburtstag, nämlich zum 1. Juni 1935 erhielt Falk Sahm eine Invalidenrente gemäß der Reichsversicherungsordnung über jährlich Reichsmark (RM) 442,80. Bis zu seinem Wegzug von Süßen dürfte er aber weiterhin gearbeitet haben um die geringe Rente etwas aufzustocken. Der Begriff ‚Invalidenrente‘ war damals mit dem einer Altersrente gleich zu setzen.

Eine Zuflucht und zwei Zwangsaltenheime

Mitte 1937 wollte oder musste Falk Sahm sich endgültig zur Ruhe setzen. Seine Armut muss so offensichtlich gewesen sein, dass der Süßener Gemeinderat am 28. Mai „dem Sozialrentner Falk Sahm zu seiner Invalidenrente einen laufenden Zuschuss von 13 RM 10 Rpf. monatlich“ gewährte. Diese Zusatzleistung war allerdings keine Selbstverständlichkeit, andere Institutionen des NS – Staats kürzten oder verweigerten jüdischen Deutschen die ihnen zustehenden Sozialleistungen.
Falk Sahm wird sich gefragt habe, wo er seinen Ruhestand verbringen sollte. In Süßen zu bleiben, schien keine Perspektive gewesen sein. Vielleicht erwog Falk Sahm schon damals zu seinem Jakob Bruder in die USA zu ziehen, zunächst suchte er wohl eine gute Bleibe in Deutschland.

Die ‚Wilhelmsruhe‘ in Sontheim bei Heilbronn
Falks Wahl fiel auf das jüdische Altenheim ‚Wilhelmsruhe‘ in Sontheim bei Heilbronn, wo er vom sechsten Juli 1937 an gemeldet war. Das 1907 als ‚Israelitisches Landesasyl‘ gegründete Altenheim galt ursprünglich als eine musterhafte Einrichtung, den Namen ‚Wilhelmruhe‘ erhielt sie mit Zustimmung des damaligen württembergischen Königs Wilhelm II. 1936 /37 wurde die Einrichtung mit einem Neubau ergänzt so dass nun etwa 100 BewohnerInnen Platz fanden. In den ersten Jahren der NS – Diktatur erhöhte sich die Nachfrage nach Heimplätzen. In vielen Familien flüchtete die jüngere Generation ins Ausland und die zurück gebliebenen, oft alleinstehenden SeniorInnen suchten in der ‚Wilhelmsruhe‘ einen Altersruhesitz. Dass Falk Sahm hier unter kommen konnte, kann als Glücksfall gelten. Wenige Monate nach Falk Sahm zog zum Beispiel Bertha Tänzer, die Witwe des Göppinger Rabbiners Dr. Aron Tänzer in die ‚Wilhelmsruhe‘ und in Briefen an ihre Kinder preist sie die Qualität der Einrichtung (Siehe Stolperstein – Biografie). Während Frau Tänzer als ‚Privatzahlerin‘ ein Einzelzimmer für sich bewohnen konnte, dürfte der mittellose Falk Sahm in einem Doppelzimmer untergebracht worden sein. Zur Wahl der ‚Wilhelmsruhe‘ als Alterswohnsitz dürfte maßgeblich beigetragen haben, dass Falks ledige Schwester Lina Sahm schon seit März 1931 hier lebte. Abgesehen von Frau Tänzer dürfte Falk Sahm auch einigen Bekannten begegnet sein: Seit 1933 lebte hier das aus Göppingen hergezogene Ehepaar Löwenstein (siehe Stolperstein – Biografie) im März 1939 fand sich auch das Göppinger Ehepaar Kirchhausen ein (siehe Stolperstein – Biografie) und aus Falks Geburtsort Braunsbach stammte der Heimbewohner Leopold Schlachter. Das recht angenehme Leben im Heim wurde in der Pogromnacht vom 9. /10. November 1938 brutal unterbrochen, als Heilbronner SA – Männer ins Gebäude eindrangen, Mitglieder des Personals misshandelten und einen großen Schaden im Gebäude anrichteten. Diese Überfall dürfte vielen BewohnerInnen das Grundvertrauen in ihren Alterswohnsitz genommen haben, erschwerend kam später hinzu, dass im Jahr 1939 viele Neuzugängen eintrafen, so dass die Einrichtung bald als überfüllt gelten musste. Zum 18. November 1940 wurden alle BewohnerInnen und das Pflegepersonal aus der ‚Wilhelmsruhe‘ vertrieben und der NS – Staat requirierte die Gebäude. Einige der jüdischen BewohnerInnen kehrten zunächst in ihre Heimatorte zurück, vorausgesetzt, dort fanden sich noch Verwandte, bei denen sie unter kommen konnten. Bei Falk Sahm war das nicht der Fall, er zog zusammen mit vier weiteren BewohnerInnen des Altersheim am 22. November 1940 nach Berlichingen an der Jagst, wo die Neuankömmlinge vermutlich bei eingesessenen jüdischen Familien einquartiert wurden. Falks Schwester Lina wurde dagegen ins Ghetto des Orts Buttenhausen abgeschoben.

Das jüdische Altenheim in Herrlingen nahe Ulm

Etwa neun Monate lebte Falk Sahm in Berlichingen, ab dem 14. August 1941 wurde das jüdische Altenheim in Herrlingen sein neuer Wohnsitz. War Falk freiwillig nach Herrlingen gezogen? Um diese Frage endgültig beantworten zu können, fehlen uns nähere Kenntnisse zu seinem Aufenthalt in Berlichingen. Generell verstärkte das NS – Regime Mitte 1941 seine Anstrengungen zur ‚Entjudung‘ der Gemeinden. In Göppingen traf diese Zwangsmaßnahme die Schwestern Rosa Fleischer und Emilie Goldstein, die bei Verwandtschaft unter gekommen war. Sie mussten ins jüdische Altenheim Herrlingen umziehen, wo sie am 14. August 1941 eintrafen. (siehe Stolperstein – Biografien).

Falk Sahm, der die beiden Damen schon von der ‚Wilhelmsruhe‘ gekannt haben musste, kam genau am gleichen Tag ins Herrlinger Heim. Somit liegt der Schluss nahe, dass auch er gegen sein Wollen eingewiesen wurde. Ulrich Seemüller, der in seinem Buch ‚Das jüdischen Altersheim Herrlingen und die Schicksale seiner Bewohner‘ die Geschichte des Heims dokumentiert hat, fand in einem Dokument zu Falk Sahm: „ Um seine Verpflegungskosten aufzubringen, hatte er seinen Invalidenrente von monatlich ca. 37 Reichsmark an die jüdische Kultusvereinigung abzutreten. Der 71 jährige Falk Sahm wollte seinem nach Amerika ausgewandertem Bruder Jakob nachfolgen, …“. Dieses Vorhaben wurde aber schon mit dem Auswanderungsverbot für Jüdinnen und Juden zum 23. Oktober 1941 hinfällig, Falk Sahm hatte keine Chance, den Mordplänen der Nazis zu entgehen.

Herrlingen


Das im Sommer 1939 eingerichtete jüdische Altersheim wies in seiner Anfangsphase noch die Merkmale eines gut geführten ‚normalen‘ Altenheims auf: Angenehme räumliche Unterbringung und ein hoher Anteil an betreuendem Personal. Auch war es zunächst den Bewohnerinnen noch möglich, aus dem Heim wieder auszuziehen. Selbst wenn das Heim formell vom Israelitischen Oberrat betrieben wurde, hatten die Institutionen des NS – Staats alle Macht, die Lebensverhältnisse von Personal und BewohnerInnen zu diktieren. Als Falk Sahm im August 1941 in Herrlingen eintraf, war von den einst guten Bedingungen wenig übrig geblieben. Schon die Belegungszahlen machen es deutlich: Ende 1939 befanden sich knapp 70 BewohnerInnen im Heim, im Oktober 1941 mussten sich 93 Menschen die gleichen Räume teilen. Dazu kam die immer schwierigere Versorgung mit Lebensmitteln, da der NS-Staat die Lebensmittelzuteilung für Juden und Jüdinnen eingeschränkt hatte und mit zunehmender Dauer des Kriegs ihnen der Erwerb von Fisch, Fleisch, Eier, Milchprodukten, Obst und Gemüse untersagt wurde. Die engagierte und mutige (jüdische) Heimleitung konnte immerhin mit der Zucht von Stallhasen und dem Anbau von Gemüse auf eigenem Grund die Versorgung einigermaßen sicher stellen. Von einer weiteren Zwangsmaßnahme im Januar 1942 wird auch Falk Sahm betroffen gewesen sein: In einer Razzia durchsuchten Polizisten auf Anweisung der Gestapo das Altenheim nach Winterkleidung und weiterer Winterausrüstung und konfiszierten das Gefundene. Die ‚Ausbeute‘ war beträchtlich, der Verlust für die HeimbewohnerInnen immens.

Das Zwangsaltenheim im Schloss Oberstotzingen

Stadt und Kreis Ulm verfolgten seit Sommer 1941 das Ziel, die verbliebenen Jüdinnen und Juden aus der Stadt zu vertreiben und sie zusammen mit jenen aus dem Herrlinger Heim an einem abgelegenen Ort zu konzentrieren. Mit diesem Vorgehen wollte die NS – Verwaltung in den Besitz von wertvollem Wohnraum kommen, die Herrlinger Gebäude wollte die Stadt Ulm als Altenheim weiter nutzen, allerdings nur für ‚arische‘ SeniorInnen. Das herunter gekommene, nur teilweise bewohnte Schloss Oberstotzingen erschien den Nazis für eine Zwangsumsiedlung der geeignete Ort.

Im Dezember 1941 kam es zu einem Vertrag zwischen der Gemeinde Oberstotzingen und dem Eigentümer, Graf von Maldeghem zur Anmietung des Schlosses, während die Stadt Ulm sich bereit erklärte, die Kosten für die Instandsetzung vorzustrecken. Dabei wollten die Nazis zuungunsten der späteren SchlossbewohnerInnen sogar auf den Einbau einer Bade- und Waschgelegenheit verzichten, selbst baupolizeilich notwendige Maßnahmen wurden bewusst unterlassen. Im Sommer des Jahres 1942 war die marginale Instandsetzung soweit abgeschlossen worden, dass die Herrlinger HeimbewohnerInnen in mehreren Schüben nach Oberstotzingen gebracht werden konnten, Falk Sahm am 9. Juli 1942. Abgesehen von 82 weiteren Menschen aus dem Herrlinger Heim, wurden noch neun Personen zwangseinquartiert, die zuvor in Ulm gewohnt hatten.

Die Deportation ins KZ Ghetto Theresienstadt
Das Zwangsaltenheim im Schloss Oberstotzingen bestand aber nur bis zum 18. August 1942, denn die Nazis hatten beschlossen, alle SchlossinsassInnen ins KZ Ghetto Theresienstadt zu deportieren. In zwei Zügen, die von Niederstotzingen aus über Ulm fuhren, wurde die ausgeraubten Menschen nach Stuttgart verbracht. Bis zum Abtransport nach Theresienstadt mussten sie eine Nacht im Sammellager auf dem Killesberg verbringen, wo für die etwa 1000 zusammen getriebenen Menschen katastrophale Bedingungen herrschten. Am 21.August verließ der Deportationszug den Stuttgarter Nordbahnhof, nach 30 stündiger Fahrt erreichte er die Bahnstation Bauschowitz, von wo aus die meisten der durstigen und hungrigen Deportierten zu Fuß mit ihrem Gepäck ins Lager Theresienstadt gehen mussten. Zur Zeit ihrer Ankunft war das KZ extrem überbelegt, die Unterbringung und die katastrophalen Lebensbedingungen (Nahrungsversorgung, Hygiene, Krankenversorgung, usw) führten dazu, dass von 82 ehemaligen Herrlinger SeniorInnen fast ein Drittel in den ersten Wochen starb.

Ermordung im Vernichtungslager Treblinka
Falk Sahm überlebte diese Wochen im KZ Theresienstadt. Nach gut einem Monat, am 26. September 1942 wurde er weiter deportiert. Ziel des Transports mit der Kennung ‚Br‘ war das Vernichtungslager Treblinka, etwa 120 km nordöstlich von Warschau gelegen. Hier wurde Falk Sahm wahrscheinlich am 28. September mit Dieselmotorabgasen erstickt, er war einer von über 800 000 Jüdinnen und Juden, die dort von den deutschen Nazis und ihren Helfern ermordet wurden.

Am 16. Februar 2008 verlegte Gunter Demnig Stolpersteine vor dem Haus Hauptstraße 45 in Süßen, wo Falk Sahm und sein ebenfalls ermordeter Arbeitgeber Leopold Lang mit Familie gelebt hatten. Das ursprüngliche Haus wurde inzwischen abgerissen.

Stolpersteine in Süßen für die Familie Lang, Baer, Metzger und Falk Sahm an der Hauptstraße : Bachstr. 2

Ermordet wurde auch Falks Schwester Lina Sahm, die als Haushälterin gearbeitet hatte. Lina, die bis zu ihrer Deportation im Ghetto von Buttenhausen, Haus Nr. 26 lebte, kam mit dem gleichen Transport wie ihr Bruder ins KZ Ghetto Theresienstadt und wurde ebenfalls im gleichen Transport wie Falk Sahm ins Vernichtungslager Treblinka verbracht. Weitere Opfer der deutschen Nazis wurden Falks Nichte Bella Thalheimer, geb. Sahm und ihr Ehemann Moritz, die In Oberdorf a. Ipf lebten. Bella war eine Tochter von Falks Bruder Bernhard Sahm.
Nachkommen seines ausgewanderten Bruders Jakob Sahm (1874-1950), der in den USA seinen Namen in Jake Sam änderte, leben in den Vereinigten Staaten.

Jake Sam mit Frau Anna Sam (1925)


Bei den Recherchen zu Falk Sahms Leben erhielten wir viel Unterstützung. Ein spezieller Dank geht an Frau Benning vom Staatsarchiv Ludwigsburg, an Frau Eberhard vom Stadtarchiv Süßen und an Frau Quirbach von Rabbinatsmuseum in Braunsbach. Dem oben erwähnten Buch von Ulrich Seemüller verdanken wir sehr viele Informationen zu den Zwangsaltenheimen in Herrlingen und Oberstotzingen.

(26.06.2020 kmr)