Die Stolpersteine liegen an der Hauptstraße (Nordseite), östlich der Kreuzung Bachstraße. Offizielle Addresse: Bachstr. 2   

Zwei Familien waren es, die in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1939 das pfälzischen Dorf Rotalben verließen, um nach Süßen zu ziehen.
Sie mussten aus ihrer Heimat weggehen, da der damalige Rotalber Bürgermeister Eugen Willenbacher den Beginn des Zweiten Weltkriegs dazu nutzte, die letzten Juden aus seinem Dorf zu vertreiben.
Sie zogen zu ihren Verwandten in Süßen.

Die Familien Baer in und Metzger aus Rotalben
Alfred Baer, geboren am 14. September 1875 in Rotalben, kam in Begleitung seiner Frau Hilda, genannt Hermine, geb. Lang, geboren am 5.Janauar 1894 in Ernsbach sowie den Kindern Hans Kurt (auch Hans Ernst genannt), geboren am 12. April 1917 in Pforzheim, Werner Josef, geboren am 13. August 1923 in Rotalben und dem kleinen Siegfried, geboren am 4. Oktober 1930 ebenfalls in Rotalben.
Alfred Metzger, geboren am 11.Oktober 1880 in Kirchheimbolanden, kam gemeinsam mit seiner Frau Eugenie, geb. Baer, geboren am 3.Dezember 1881 in Rotalben und dem Sohn Rudolf (Rudi) Julius, geboren am 29. April 1922 in Rotalben.
Alfred Baer und Eugenie Metzger waren Geschwister von Pauline Lang, die am 25. Dezember 1885 in Rotalben geboren wurde und am 22. November 1935 in Tübingen starb. Sie hatte am 6. Juli 1920 Lazarus, gen. Louis Lang in Rotalben geheiratet.
Doch damit nicht genug der familiären Verbindungen, denn Hermine (Hilda) Baer war die leibliche Schwester von Louis und Leopold Lang.
Es ist bekannt, dass die Kinder der Baers und der Metzgers öfter ihren Urlaub in Süßen verbracht haben. Und auch die Kinder der Langs waren wiederholt in Rotalben zu Besuch gewesen. Es war also fast schon logisch, dass sich die beiden Rotalber Familien nach ihrem Rauswurf zu ihrer Verwandtschaft nach Süßen flüchteten.

Zur Familie Baer
Alfred Baer war das älteste Kind des jüdischen Handelsmanns Josef Baer (geboren am 1. Februar 1848, gestorben am 10 Mai 1922) und dessen Ehefrau Henriette, geb. Kahn (geboren am 1. Juli 1856, gestorben am 13. August 1903). Er war von Beruf Hausierer, was bedeutete, wie mir vor Jahren ein älterer Rotalber Bürger erzählte, dass er sehr arm war und mit einem Wachstuch, in das er die Sachen, die er zu verkaufen versuchte – wie Handtücher, Bettwäsche etc. – übers Land zog. In der vom 3. November 1938 stammenden Änderungsanzeige zum Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe Rotalben findet sich hierzu der folgende Eintrag: „Im Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe wurde gelöscht der nachstehende Eintrag: Bär, Alfred, Einzelhändler, Hausierhandel mit Kurzwaren, Stoffresten und Manufakturwaren, Bär Alfred, Rotalben, Friedhofstr. 7, Auswanderung steht bevor.“
Fred Samuel, ein Holocaustüberlebender aus Rotalben (der u.a. einmal seine Ferien zusammen mit seinem Freund Rudi Metzger „bei Tante Pauline“ in Süßen verbracht hatte), hat mir vor Jahren erzählt, dass Alfred Baer einerseits ein sehr netter Mann, andererseits aber ein „Schalwes“ gewesen sei, d.h. ein einfältiger, zurückgebliebener Mensch, der ohne die finanzielle Unterstützung durch seine Schwester Eugenie (Metzger) und Herrn Samuels Vater Ludwig Samuel, der sein Cousin war, gar nicht hätte existieren können.
Alfred Baer sei, so Herr Samuel weiter, speziell für die Hochzeit mit Hermine Lang, die am 2. Juli 1920 in Ernsbach stattfand, aus Vicksburg/USA zurückbeordert worden.
Da Alfred Baer am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte, konnte er sich nicht sonderlich lange in Vicksburg bei seinen Verwandten (wo es z.B. das Trockenwarengeschäft der aus Rotalben eingewanderten Brüder Lazarus und Abraham Baer gab) aufgehalten haben. Ein amerikanischer Staatsbürger war er jedenfalls nicht, auch wenn er dies dem Süßener Bürgermeister gegenüber im Dezember 1939 behauptet hat.
Hermine, seine Frau, hatte bereits nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes Hans eine Zeitlang bei ihren Geschwistern in Süßen gewohnt. Nach der Hochzeit in Ernsbach zog sie, die sowohl von Herrn Samuel als auch von Kurt Lang als sehr intelligent beschrieben wurde, mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn, der am Hochzeitstag den Nachnamen „des Vaters“ Baer erhielt, nach Rotalben in die Friedhofstraße 7 (siehe oben), wo Alfred Baer ein Haus besaß. Am 13. Juni 1921 wurde in Pirmasens dann das erste gemeinsame Kind des Paares geboren, Herbert Heinrich Baer, genannt Hugo, der wohl schon Anfang 1936 in die USA ausgewandert war (so heißt es im Mitteilungsblatt der israelitischen Kultusgemeinde Pirmasens vom 21. Juli 1936/37: „Der Hilfsverein der Juden in Deutschland führt seine im vorigen Jahre unterbrochene Aktion zur Verschickung jüdischer Schulkinder nach Amerika zu Ende. Im Zuge dieser Aktion wird aus unserer Gemeinde Gerhard Nellhaus am 23. d. Ms. von Hamburg aus die Ausreise nach USA antreten. Vor ihm haben bereits drei Knaben aus unserer Gemeinde, zwei weitere Knaben aus unserer Nachbargemeinde Rotalben diesen Weg dank der Vermittlung und Unterstützung durch den Hilfsverein eingeschlagen…“ – und da in den späteren Ausgaben Herbert Baer nicht mehr erwähnt wird, muss er einer der beiden Knaben aus Rotalben gewesen sein). Seinen beiden jüngeren Brüdern, Werner und Siegfried Baer, wurde dieses Glück leider nicht mehr zuteil.
Nach der Reichspogromnacht wurde Alfred Baer am 10.11.1938 in Pirmasens in Schutzhaft genommen, kurz darauf – wohl seines Alters wegen – aber wieder nach Hause entlassen.
Hans Baer dagegen kam ins KZ Dachau, wo er bis zum 21. Januar 1939 blieb. Zumindest über ihn gibt es eine kleine Anekdote, die mir vor Jahren ein älterer, inzwischen verstorbener Rotalber Bürger brieflich mitgeteilt hat:
„Ich weiß von einem älteren Sohn von Frau Baer, den sie mit in die Ehe gebracht haben soll. (…) Das Jahr 1939 nenne ich deshalb, weil dieser ältere Sohn, von Beruf Schneider, mir 1939 meine ersten langen Hosen gekürzt hat. Meine Mutter hatte mir den Anzug bei Antoinette Becker (…) in der Schillerstraße gekauft. Und Frau Becker brachte in der Nacht heimlich die Hosen zu diesem jungen jüdischen Schneider, der sich mit solchen ‚Änderungen‘ durch sein stark gefährdetes Leben schlug.“
Dass Hans Schneider war, ist einer weiteren Schwester von Alfred und Eugenie Baer geschuldet, nämlich Louise Mann, die, mit ihrer Familie im Hause Alfred Baers lebend, Schneidermeisterin von Beruf war.
Im April 1939 musste Alfred Baer sein Haus in der Friedhofstraße zwangsverkaufen und Ende August 1939 Rotalben verlassen.
Die Familie zog zu Louis Lazarus Lang in die Hindenburgstraße 45 in Süßen.
Alfred Baer scheint – laut Hugo Lang – seines Alters wegen dort dann nicht mehr zur Zwangsarbeit verpflichtet worden zu sein.
Hermine Baer arbeitete im Haushalt der Langs mit. Sie habe immer sehr geschwiegen.
Hans Baer musste – wie z.B. auch Alfred und Rudi Metzger – in Eislingen in der Filiale der Firma Friedrich Bader Zwangsarbeit leisten. „Sommers wie winters“, so Hugo Lang, „mussten wir mit den Fahrrädern jeden Tag, auch samstags, dorthin fahren.“
Alfred und Hermine Baer versuchten alles, um wenigstens ihre beiden kleinsten Kinder noch irgendwie zu retten.
Werner schickten sie am 2. Januar 1940 nach Groß-Breesen, einem jüdischen Auswanderer-Lehrgut nördlich von Breslau, wo er zwei Jahre lang für ein zukünftiges Leben in Palästina vorbereitet werden sollte.
Siegfried zog am 1. Dezember 1940 nach Frankfurt/Main, wo er in der Rückertstraße 53, in der sich das Israelitische Lehrerinnen- und Studentinnen-Heim befand, wohnte. Möglicherweise, so meine Vermutung, erhielt er dort privaten Schulunterricht.
Da der Süßener Gemeindepfleger Karl Häfele bei seiner Vernehmung im September 1948 ausgesagt hat, dass Alfred und Hermine Baer „ihre beiden Buben“ „kurz vor der Deportierung“ nach Süßen kommen ließen, kann davon ausgegangen werden, dass auch sie Ende November 1941 von Süßen aus über Stuttgart nach Riga deportiert wurden.
Außer Hans scheinen alle bereits in Riga ermordet worden zu sein.
Zwar heißt es im „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“, dass Werner im KZ Neuengamme gewesen sei, dies konnte aber vom dortigen Archiv nicht bestätigt werden.
Dagegen kam Hans am 16.Januar 1945 nach Meppen-Versen, einem Außenlager des KZ Neuengamme. Wenn es stimmt, was Fred Samuel mir vor Jahren telefonisch mitgeteilt hat, ist Hans auf einem der Todesmärsche gegen Ende des Krieges ermordet worden.
Überlebt hat, wie bereits erwähnt, lediglich Herbert Heinrich Baer, in Deutschland Hugo genannt, in Amerika dann Herbie. Fred Samuel berichtete mir, dass Herbert in den Staaten für die Post gearbeitet und über das Schicksal seiner Angehörigen absolut nichts gewusst hätte. Ein furchtbar netter Kerl sei er gewesen, der eigentlich eine junge, aus Speyer stammende Jüdin namens Elkan hatte heiraten wollen. Die sei dann auch tatsächlich aus Kairo nach Amerika gekommen, hätte die Heirat aber im letzten Augenblick abgesagt, so dass Herbert, der am 29. Oktober 1995 im Alter von 74 Jahren gestorben ist, später eine Amerikanerin aus Brooklyn, New York geheiratet habe.
Ich erwähne dies, weil Herberts Frau, nach meinen Recherchen muss es sich dabei um Shirley Baer (geboren 1928, gestorben im Januar 2017) gehandelt haben, im Jahr 2002 einen Wiedergutmachungsprozess gewonnen hat, bei dem es um das Vermögen von Alfred Baer ging. Dort heißt es u.a.: „Die Klägerin gab an, die Familie hätte ihrem Ehemann den Besitz Schweizer Geschäftskonten mitgeteilt, die sowohl seine Eltern als auch Cousins, in der Hoffnung der Verfolgung durch die Nazis entkommen und sich in den USA niederlassen zu können, angelegt hätten. Die Klägerin gab des Weiteren an, ihr Ehemann hätte vom Deutschen Staat nach dem Zweiten Weltkrieg ungefähr 7000 US-Dollar an Entschädigung erhalten.“
47.400 Schweizer Franken hat sie bekommen, so viel also war das Leben von Alfred, Hermine, Hans, Werner und Siegfried Baer also wert.

Zur Familie Metzger
Alfred Metzger war das dritte Kind des Metzgermeisters Abraham Metzger, geboren am 8. August1844 in Gauersheim, gestorben am 13.Februar 1935 in Kirchheimbolanden, und dessen Ehefrau Maria Seeh, geboren am 29. August 1849 in Hochspeyer, gestorben im Jahr 1923 in Kirchheimbolanden. Alfred Metzger betrieb in Kirchheimbolanden zuerst ein Manufakturwarengeschäft, war dann von 1914 bis 1918 Kriegsteilnehmer, wofür er ein Ehrenkreuz erhielt, und eröffnete am 15. Februar 1919 in seiner Heimatstadt eine Zigarrenhandlung en gros. Am 11. März 1921 heiratete er in Rotalben Eugenie Baer, das vierte von elf Kindern des bereits genannten Ehepaars Josef und Henriette Baer und übernahm dann das Geschäft seines Schwiegervaters in der Rotalber Hauptstraße 103. In einem Inserat aus dem Jahr 1930 wird aufgezählt, was man bei ihm so alles kaufen konnte: „Herren-Anzugstoffe, Kleider- und Seidenstoffe, Baumwollwaren, Leib-, Tisch- u. Bettwäsche, Badeanzüge, Bademäntel, Frottierwäsche, Gardinen, abgepaßt und am Stück, Herren-, Damen- und Kinder-Konfektion, Herrenhüte, Klapphüte u. Mützen in großer Auswahl, Alle Kurz- u. Wollwaren, Herren- u. Damenschirme, Stets Neuheiten in Krawatten“.
Am 29. April 1922 wurde der Sohn Rudolf Julius, genannt Rudi, geboren. Und am 4. Dezember 1923 kam die Tochter Henriette Maria, genannt Henny, auf die Welt. Das Geschäft lief gut, die Kinder wuchsen heran, alles schien in bester Ordnung.
Bis die Nazis an die Macht kamen.

In der NS -Zeit
Edmund Heringer, der einzige Rotalber Bürger, der sich mit dem Schicksal der jüdischen Einwohner des Ortes auseinandergesetzt hat, schrieb u.a.:
„Die offenen Angriffe gegen die jüdischen Mitbürger auch in Rotalben hatten bereits begonnen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. In keiner Rede fehlten mehr die Angriffe auf die Juden. Am 1. April 1933 war auch in Rotalben der Boykott-Tag, an dem die Bürger aufgefordert wurden, nicht bei Juden zu kaufen. An den jüdischen Geschäften in Rotalben hingen Plakate mit der Aufschrift ‚Kauft nicht bei Juden!‘, so am Textilgeschäft Bloch (…), an der Metzgerei Katz (..), an dem Eisenwarengeschäft Katz (…) und an dem Wäschegeschäft Bär-Metzger [sic], dem Geschäft der in Rotalben bekannten ‚Bäre Eichene‘. SA patrouillierte auf den Bürgersteigen vor diesen Geschäften, dass sich nur ja niemand unterstehe, da hinein zu gehen. Wer es dennoch wagte, wurde fotografiert und bekam Schwierigkeiten.“
Eugenie Metzger (die besagte ‚Bäre Eichene‘) aber war eine resolute Frau, die sich nichts gefallen ließ. Immer wieder wurde mir von älteren Bürgern mitgeteilt, dass sie sich gegen die Machenschaften der Nazis zur Wehr gesetzt hätte.
So hat mir der bereits mehrfach erwähnte Fred Samuel vor Jahren lachend erzählt, wie Frau Baer, nachdem die SA das Fenster ihres Geschäfts verschmiert hatte und Herr Walter Cronauer bereitstand, um die ein- und ausgehenden Käufer zu fotografieren, ihr Hauptbuch genommen hat und zu Herrn Cronauer auf die Straße hinausgelaufen ist, um ihm zu zeigen, was er ihr noch schuldig sei. Am 24. und am 26. April 1933 wurden in der Rotalber Zeitung „Gräfensteinbote“, der katholisch und alles andere als antisemitisch eingestellt war, zwei Anzeigen lanciert, die ebenfalls von Eugenie Metzgers Mut sprechen:

Am 24. Oktober 1935 rückte Alfred Metzger zu einem der drei Rotalber Synagogenräte auf. „1937: Ich erlebe, wie eine Meute Kinder den Sohn des Textilhauses Metzger/Bär [sic!] mit Spucke und Steinen und den skandierenden Rufen ‚Jud-Jud, stinkiger Jud‘ durch die Straßen hetzt. Die Eltern stören ihre Kinder nicht“, lautet ein weiteres Zitat aus der Feder von Herrn Heringer. Bei dem Sohn, der da durch Rotalben gehetzt wurde, handelte es sich um Rudi Metzger.


Pogromnacht in Rotalben Und dann kam die Reichspogromnacht, die Herr Heringer folgendermaßen geschildert hat: „Laut einer amtlichen Notiz war es (…) der ‚SA-Sturm Rotalben‘, der in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 die Schaufenster von Metzger/Bär [sic!] und Bloch zerstörte. Es waren die SA-Leute, die hier besonders am Werk waren. Ein SA-Mann musste dabei die erste Hilfe des Roten Kreuzes in Anspruch nehmen, da er sich an der Schaufensteranlage Bär [sic!] eine schwere Armverletzung zugezogen hatte. Die beiden Rot-Kreuz-Helfer nahmen dann auch die Tochter Henny der Eugenie Metzger/Bär [sic!] in Schutz und mit nach Hause. So war sie vor den NS-Rabauken sicher. Henny traf eine schnelle Entscheidung und reiste über Holland ins Ausland.“

Und weiter: „Die Schaufenster wurden mit Brettern vernagelt. (…) Der Jude Metzger, der sich gewehrt hatte, wurde in den Volksgarten nach Pirmasens verbracht.“ Alfred und Eugenie Metzger mussten unter Zwang am 11. November 1938 dem „Kreiswirtschaftsberater der NSDAP (…) in Pirmasens Vollmacht zum Zwecke der treuhänderischen Verwaltung ihres Vermögens“, wie es so schön heißt, erteilen. Ihren Laden mussten sie schließen. Alfred Metzger kam am Tag darauf ins KZ Dachau, von wo aus er am 16.12.1938 wieder entlassen wurde.

„In das Haus des ehemaligen Textilgeschäftes Eugene Bär sic! wurden mehrere jüdische Familien eingewiesen. Man hatte damit ein kleines Ghetto errichtet, aus dem die jüdischen Mitmenschen nur gegen Abend zu den Einkäufen ausbrechen durften.“ Wieder zitiere ich Edmund Heringer. Das Haus der Familie Metzger wurde also im April 1939 zum Rotalber Ghetto, in dem insgesamt vier Parteien wohnten, wovon eine aber nichtjüdisch war. Zuletzt wurden die Metzgers sogar in ihrem eigenen Haus gefangen gehalten und mussten dann aus Rotalben verschwinden. Die stets wiederholte Behauptung des Rotalber Nazibürgermeister Eugen Willenbacher in seinen an den Bürgermeister von Süßen, Fritz Saalmüller, gerichteten Briefen, die Metzgers und die Baers hätten Rotalben freiwillig verlassen, ist das nichts anderes als eine glatte Lüge. Auch sie zogen zu Louis Lazarus Lang in der Hindenburgstraße 45.


Die kurze Zeit in Süßen „Frau Metzger hat im Haushalt mitgeholfen, Kochen, Waschen usw. Sie war immer sehr traurig und zurückgezogen, was wir verstehen konnten“, schrieb mir Hugo Lang 2008. Sie, die einst so stark und resolut war, war eine gebrochene Frau. Ihr Mann Alfred und ihr Sohn Rudi mussten – wie bereits erwähnt – Zwangsarbeit in Eislingen leisten. „Die Firma hat allerhand Holz für die Wehrmacht geschnitten, natürlich auch für die Bunker. Nur Alfred Metzger und mein Onkel Louis durften mit einer Sondergenehmigung vom Bürgermeisteramt mit dem Zug fahren.“ Ein weiteres Zitat aus einem Brief von Hugo Lang. Alle drei wurden sie – wie die anderen Süßener Juden auch – nach Riga deportiert und dort dann ermordet.


Die Geflüchteten Henriette Metzger kam 1939 in Schweden an, wo sie anfangs – von ihren Eltern, so gut es ging, finanziell unterstützt – Schülerin an der Internationalen Schule in Västerby war. Im Januar 1942 zog sie nach Helsingborg, um sich zur Näherin ausbilden zu lassen und sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. In Helsingborg wohnten damals übrigens der aus Rotalben stammende Ludwig Samuel (er war der Onkel von Fred Samuels Vater, der ebenfalls Ludwig Samuel hieß), der von 1909 bis 1913 Rotalbens jüdischer Lehrer war und seine Tochter Betty Bergstein, die Henriette Metzger beide sehr gut kannten. Im April 1943 ging Henriette nach Hässleholm, um kurz darauf, im September nach Mölndal zu ziehen, wo sie dann als Kuvertiererin arbeitete. Am 24. Juni 1945 heiratete sie dort den am 10. Januar 1917 in Koblenz geborenen und im März 1980 verstorbenen Harald Schloss, mit dem sie zwei Kinder hatte. Ende Oktober 1950 verließ die kleine Familie Schweden, um nach Israel zu gehen. 1951 war Henriette Schloss, wie sie inzwischen hieß, noch einmal kurz in Rotalben, da sie sich mit dem Gedanken trug, das elterliche Geschäft wiederzueröffnen. Ein Gedanke, den sie aber schnell wieder verwarf. Später lebte sie in Haifa und schirmte sich – bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren – sowohl gegenüber ihren Cousins als auch ihre ehemaligen Freundinnen aus Rotalben völlig ab.

Im Oktober 1956 hat auf den Blättern von Yad Vashem die folgenden Todeszeitpunkte für ihre Familienangehörigen angegeben:

Für ihren Vater den 15.01.1942.
Für ihre Mutter den 23.03.1942.
Für ihren Bruder den 28.10.1942.
Sicherlich hat sie diese Daten von ihrem Cousin Kurt Lang, der ja die KZ‘s überlebt hat, in Erfahrung gebracht.

Purimfeier in Rotalben

 

(Illustration von Fred Samuel)

Nr. 2: Fred Samuel
Nr. 6: Hans Baer
Nr. 11: Hugo (Herbert Heinrich) Baer
Nr. 12: Rudi Metzger
Nr. 22: Henny (Henriette) Metzger

Im Jahr 1937 mit Lehrer Jacob Haymann vor der Synagoge. Die beiden Jungs in der ersten Reihe rechts außen sind Siegfried (der kleine Junge) und Werner Baer. Das blonde Mädchen, das in der Mitte der hinteren Reihe steht, ist Henriette Metzger.

Am 16.Februar 2008 legte Gunter Demnig Stolpersteine vor dem Haus Hauptstraße 45 (früher Hindenburgstraße), die an die Ermordeten der Familien Baer und Metzger erinnern.

Anwesen Lang in der Hindenburgstraße (später Hauptstraße) , wo die Familien Baer und Metzger wohnten. (Inzwischen abgerissen)

Recherche und Text von Peter Conrad, aus Rotalben gebürtig.

(28.04.2020 pc)