Geboren am 5. Februar 1879 in Göppingen
Ermordet am 17. September 1942 im KZ Buchenwald
Stolperstein in Stuttgart, Schlossstraße 83 / Herbst 2026
Samuel Fleischer – ein Übervater?
Als Samuel Fleischer in jungen Jahren von Mühlbach/Baden nach Göppingen zog, wo Verwandtschaft seiner Mutter lebte, hatte er wohl ehrgeizige Pläne. Aus der mütterlichen Familie Rosenthal hatten es mehrere männliche Familienmitglieder geschafft, sich als Unternehmer auf dem Markt der modischen Korsetts zu etablieren und mit ihren Produkten Branchen – Auszeichnungen zu gewinnen. Samuels Onkel Daniel Rosenthal galt gar als ‚Pionier der Korsettindustrie‘. Samuel trat in dessen Firma ein und wurde 1873 auch Teilhaber. 1878 heiratete er seine Cousine Emilie Rosenthal. Emilies Familie gehörte zu den ersten jüdischen Zuwanderern, die sich nach 1777 in Jebenhausen bei Göppingen niedergelassen hatten.

1887 gründete Samuel mit seinen Brüdern Leopold und Julius sowie dem Schwager Adolph Rosenthal eine eigene Korsettfabrik. Deren neue Fabrikationsräume, zwischen 1894 und 1901 errichtet, erlangten Aufmerksamkeit: im ‚Grünen‘ am Nordrand von Göppingen angesiedelt, von Gärten umgeben, die von Arbeitern und Angestellten genutzt werden konnten.

Samuel Fleischer war nicht nur als Unternehmer präsent: 35 Jahre gehörte er dem Vorstand der Göppinger Israelitischen Gemeinde an, er war Mitgründer des zunächst gemischtreligiösen Vereins ‚Merkuria‘ und hatte von 1910 bis 1919 einen Sitz im Göppinger Gemeinderat.
Bernhard – ein Erstgeborener
Am 5. Februar 1879 kam Bernhard Fleischer auf die Welt, das erste Kind von Emilie und Samuel, und es wäre naheliegend gewesen, dass das junge Elternpaar in ihm schon den ‚Stammhalter‘ im Unternehmen gesehen hätte. Ein Jahr später folgte die Tochter Paula, zwei Jahre später der Sohn Julius und mit etwas Abstand im Jahr 1888 der Sohn Arthur, der das letzte Kind des Paars bleiben sollte.

Als Bernhard geboren wurde, wohnte die Familie noch in der Göppinger Ziegelstraße beim Viehhändler Marx zur Miete; das repräsentative Haus der Familie in der Nördlichen Ringstraße 33 wurde erst um 1894 errichtet.

Über Bernhards Kindheit ist nichts überliefert. Seine Mutter Emilie wird in der Erinnerung ihrer Enkelin Doris Fleischer als prinzipienfeste und eher unnahbare Person beschrieben; vermutlich wurde Bernhard von einem ‚Kinderfräulein‘ aufgezogen. Seine ‚Konfirmation‘ Bar Mizwa erlebte Bernhard unter Obhut des ersten Göppinger Rabbiners der Neuzeit, Max Herz. Später im Leben dürfte sich Bernhard Fleischer wenig mit seiner religiösen Herkunft identifiziert haben.
Außergewöhnlich war Bernhard Fleischers Schulausbildung. Nach der Grundschule wird er mit großer Wahrscheinlichkeit ab 1889 die überorts bekannte Göppinger Lateinschule besucht haben, die ursprünglich vor allem für künftige evangelische Pfarramtskandidaten eingerichtet worden war und damals vom qualifizierten Rektor Otto Bauer geleitet wurde (Quelle Link: NWZ 2. April 2026).
Ein (zwei Jahre älterer) Mitschüler Bernhards an der Lateinschule war bis 1891 der spätere Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse. Söhne aus dem aufstrebenden industriellen Bürgertum, die nach der Vorstellung ihrer Eltern in das Familienunternehmen eintreten sollten, wurde damals jedoch auf die noch junge, sechszügige Göppinger Realschule geschickt. Bernhards Eltern dürften somit einen anderen Lebensweg für ihren erstgeborenen Sohn vorgesehen haben als den Eintritt in das Familienunternehmen. Wahrscheinlich wird Bernhard Fleischer der erste Abiturient jüdischen Glaubens in Göppingen gewesen sein und vielleicht, zu seiner Schulzeit, der einzige jüdische Schüler auf der Göppinger Lateinschule. Sicher war er auch der einzige unter seinen Geschwistern, der den Hochschulabschluss erreichen durfte. Seine Brüder Julius und Arthur traten dagegen in das Familienunternehmen ein und übernahmen nach Vater Samuel Fleischers Tod 1920 die Leitung.
Berufswahl – ein selbst gewählter Weg?
Mit dem Abitur an einer humanistischen Lehranstalt hatte Bernhard Fleischer als Jude eigentlich nur zwei Studien-Alternativen: Medizin oder Rechtswissenschaft. Bernhard beschloss, Jura zu studieren; ob das auf den Rat seiner Eltern hin geschah, muss offenbleiben.
In der Göppinger Jüdischen Gemeinde gab es damals nur einen praktizierenden Juristen, nämlich den Rechtsanwalt Dr. Max Steiner, der freilich nicht aus Göppingen stammte. Somit war Bernhard Fleischer der erste aus dem jüdischen Göppingen, der sich der Rechtswissenschaft zuwenden sollte. Später folgten ihm auf diesem Berufsweg die Göppinger Ludwig Ottenheimer, Benno Ostertag, Albert Steiner und Paul Tänzer, die, von Albert Steiner abgesehen, später wie Bernhard Fleischer nach Stuttgart ziehen sollten.
Bernhard Fleischer dürfte das Abitur spätestens im Jahr 1898 abgelegt haben, denn schon ab Wintersemester 1898 studierte er Rechtswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Im Sommersemester 1900 war er an der Tübinger Eberhard-Karls-Universität eingeschrieben, wo er im Sommersemester 1902 sein Studium abschloss. Unterbrochen wurde seine Tübinger Zeit mit dem Wintersemester 1900, als er in Berlin die Königliche Friedrich-Wilhelms-Universität besuchte. Aus seinem Berliner Intermezzo ist überliefert, dass er neben juristischen Vorlesungen/Seminaren sich auch anderweitig interessierte: ‚Griechische Literatur seit Nero – Prof. v. Wilamowitz-Möllendorff‘ und ‚Deutsche Dramatiker im 19. Jahrhundert – Prof. E. Schmidt‘ sowie ‚Italienische Übungen – Lector Hecker‘ lauteten die entsprechenden Vorlesungen/Seminare. Auf einen Doktor-Titel verzichtete Bernhard Fleischer.
Stuttgart als neuer Lebensmittelpunkt
Nach Abschluss des Studiums dürfte Bernhard Fleischer die obligatorische militärische Dienstpflicht abgeleistet haben. Da er vermutlich nur ein Jahr ‚dienen‘ musste, bleibt ein Zeitraum bis zum nächsten gesicherten Lebensdatum ungeklärt: Im Stuttgarter Nachtragsadressbuch von 1906 findet sich erstmals der Eintrag: Fleischer, Bernhard, Rechtsanwalt, Taubenheimstr. 26 P, Cannstatt. In Cannstatt befand sich auch sein Arbeitsplatz: Bernhard Fleischer trat 1907 der etablierten Anwaltskanzlei von Martin Rothschild bei. Die gemeinsame Kanzlei ‚Rothschild und Fleischer‘ in Cannstatt hatte sich auf Zivilrecht konzentriert und bestand bis 1916. Als sich Bernhard Fleischer selbständig machte, blieb der größere Teil des Kundenstamms allerdings dem Ex-Kollegen Rothschild treu. Am 1. Weltkrieg musste Bernhard Fleischer anscheinend nicht teilnehmen.

Emma Bikard aus Rottweil
In der Göppinger Familie Fleischer war es noch in der Generation von Bernhard üblich, dass Ehen arrangiert wurden. Eine Ausnahme bildete Bernhards Bruder Julius, der eine ‚Liebesheirat‘ einging, was trotz hoher Mitgift der Braut von Mutter Emilie Fleischer nicht gutgeheißen wurde. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie und wo Bernhard Fleischer mit Emma Sofie Bikard zusammengekommen war, die am 15. September 1910 seine Frau werden sollte.
Emma, geboren 1889, stammte aus einer jüdischen Familie, die ursprünglich in Rottweil gewohnt hatte.

(Quelle: Staatsarchiv Ludwigsburgj
Ihr Großvater Max Bikard hatte dort die ‚Brauerei zum Pfauen‘ erworben und mit Erfolg betrieben. Um 1900, nach dem Verkauf der Brauerei, war die Familie nach Stuttgart gezogen, wo Emmas Vater Adolf Bikard später eine ‚Hypotheken- und Darlehensvermittlung‘ in der Königstraße betrieb. Ansonsten war Adolf Bikard aktives Mitglied der Nationalliberalen Partei, saß im Aufsichtsrat mehrere Firmen und diente als ehrenamtlicher Schöffe.
Emma war das einzige (überlebende) Kind von Klara, geb. Wolf und Adolf Bikard und wuchs mit Sicherheit im Wohlstand auf. Ob sie einen Bildungsabschluss absolvierte, ist nicht überliefert. Zumindest aus der Perspektive von Bernhard hätte die Ehe mit dieser klugen, hübschen, jüngeren Frau glücklich werden sollen. Ob er bei der Heirat wusste, dass Emma schon damals einen anderen Mann liebte? Angeblich bewogen ihre Eltern sie dazu, dennoch Bernhard Fleischer zu heiraten. Emma brachte eine erhebliche Mitgift in die Ehe, die Bernhard nach Aussage seiner zweiter Frau Agathe zum Teil (später?) seinen Brüdern zu Verfügung stellte, um den Göppinger Familienbetrieb zu stabilisieren. Mit dem Umbruch der Frauenmode waren Korsetts kaum mehr verkäuflich und die Neuausrichtung des Unternehmens war schwierig.
Anneliese Sophie Fleischer – die gemeinsame Tochter von Emma und Bernhard
wurde im Juni 1911 geboren. Damals wohnte die junge Familie in der Relenbergstr. 70, später am Hölderlinplatz 18. Auch das gemeinsame Kind konnte die Ehe nicht stabilisieren; im August 1919 ließ sich das Ehepaar scheiden. Damals galt das ‚Schuldprinzip‘ und die Ehe wurde zuungunsten von Bernhard geschieden, Emma und Anneliese zogen daraufhin in das Haus von Emmas Eltern. (Zu Emmas privater Neuorientierung weiter unten …)

Anneliese hatte zunächst die Rothersche Mädchenschule am Herdweg besucht, dann die Charlottenrealschule. Zu ihrer Berufsausbildung schreibt sie in einer Restitutionsakte:
„Anschließend besuchte ich, mit dem Ziel Chemotechnikerin zu werden, das chemische Untersuchungslaboratorium und die Chemieschule Dr. Karl Binder. Bei Dr. Binder legte ich im Frühjahr 1931 eine Prüfung ab. Vom 7.4.1931 bis 30.9.1931 volontierte ich beim Chemischen Untersuchungsamt der Stadt Stuttgart. Eine entsprechende Arbeitsstelle konnte ich infolge der damaligen schlechten Wirtschaftslage nicht finden. So war ich gezwungen, bei meinem Großvater Adolf Bikard (…) als Stenotypistin zu arbeiten. Von meinem Großvater erhielt ich als Entgelt ein Taschengeld, freie Kost und Logis. (…) Da ich trotz eifriger Bemühungen eine meiner Ausbildung entsprechende Stellung nicht erhalten und auch meine Ausbildung als Chemotechnikerin nicht abschließen konnte, war ich gezwungen, mich in einem zweiten Beruf ausbilden zu lassen. Im Februar 1933 fuhr ich zu diesem Zweck nach Paris. Dort besuchte ich das Institut de Beauté Kéva. Am 10.10.1933 wurde mir ein Diplom als Pediküre erteilt. (…) Nach Abschluss der Ausbildungszeit als Pediküre arbeitete ich am Institut für Schönheitsoperationen Colman in Boulogne sur Seine. Für diese Tätigkeit erhielt ich nur ein geringes Entgelt, da ich in Frankreich keine Arbeitserlaubnis als Ausländerin bekam und so gezwungen war, ‚schwarz‘ zu arbeiten. (…) Ende 1934 fuhr ich nach Stuttgart zu meinem Großvater zurück, um von hier die Auswanderung nach Palästina besser betreiben zu können. Am 11.12.1934 habe ich in Stuttgart Herrn Herbert Levisohn geheiratet.“
Im Januar 1935 flüchteten Anneliese und Herbert Levisohn, die sich in Paris kennengelernt hatten, über Marseille nach Haifa.
Emmas Neuorientierung
Emma Fleischer war später doch selbstbewusst genug, ihren Geliebten, den evangelischen Christen Wilhelm Schrag, auf den sie zunächst verzichtet hatte, zu heiraten. Claudia Lorenz, die Biografin von Wilhelm Schrag beschreibt die Situation:
„Im März 1919 wird Wilhelm Schrag aus dem Militärdienst entlassen. Er kehrt nach Stuttgart zurück und kommt zunächst bei seinen Eltern unter. Nicht lange danach, es muss noch im selben Jahr sein, begegnen er und Emma sich wieder. Emma löst einen kleinen Eklat in ihrem sozialen Umfeld aus, denn die lässt sich von ihrem ersten Mann scheiden. (…). 1920 macht Schrag die zweite Staatsprüfung als Regierungsbaumeister und heiratet die Frau, die er liebt. Die Eltern Bikard verzeihen dem Paar offenbar schnell, ihr Leben eigenmächtig in die Hand genommen zu haben. Denn sie werde in der Folgezeit ein ausgezeichnetes Verhältnis zu ihrem neuen Schwiegersohn entwickeln.“

Anzumerken ist noch, dass Wilhelm Schrag ein liberaler Demokrat und Mitglied einer Freimaurerloge war. Leider nahm die Liebesbeziehung zwischen Emma und Wilhelm Schrag ein trauriges Ende: Emma Schrag starb am 15. August 1928 drei Tage nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Ursula. Kompetent und politisch ‚unbelastet‘ wurde Wilhelm Schrag von 1946 bis zu seinem frühen Tod 1949 zum Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) berufen.
Bernhards zweite Ehe mit Agathe, geb. Hiller und die Tochter Beate Elfriede
Etwa drei Jahre nach der Scheidung von Emma ging Bernhard Fleischer eine neue Ehe ein: Er heiratete am 27.12.1923 die aus Stuttgart-Vaihingen stammende Katholikin Agathe Theresia Fleischer, geb. Hiller, die damals 34 Jahre alt war.

(Quelle: Staatsarchiv Ludwigsburg)
Wie Bernhard war auch Agathe geschieden, in erster Ehe war sie mit einem Johann Fleischer (sic!) verheiratet gewesen; ihren siebenjährigen Sohn Siegfried brachte sie mit in die neue Beziehung. Agathes Elternhaus zählte eher zum Kleinbürgertum, ihr Vater Carl Hiller war von Beruf Färber, eine Berufsausbildung scheint Agathe nicht erhalten zu haben. Die beiden Trauzeugen, der Arzt Dr. Adolf Wider und der Kinderarzt Dr. Otto Einstein, dürften von Bernhard Fleischer gewählt worden sein und geben einen Hinweis auf seinen Freundeskreis.
Am 24. Januar 1925 wurde Bernhard Fleischer zum zweiten Mal Vater, als die gemeinsame Tochter Beate Elfriede Fleischer geboren wird. Dass sie in der katholischen Konfession ihrer Mutter getauft wurde, war für Bernhard anscheinend kein Problem. In einer Restitutionsakte gibt Agathe Fleischer dazu Auskunft:
„Wir haben gegenseitig unsere religiöse Einstellung geachtet und darüber hinaus war es mir gar nicht so richtig zum Bewusstsein gekommen, dass ich mit einem Juden verheiratet war. Mein geschiedener Mann hat mir über persönliche Demütigungen und Verfolgungen wegen seiner jüdischen Abstammung – mindestens aus Rücksichtnahme – bis zu unserer Scheidung nichts gesagt.“
Wie eng blieb Bernhard Fleischer in der Zeit der zweiten Ehe mit seiner Göppinger Herkunftsfamilie in Kontakt? Dazu Agathe im Rückblick, sie habe „in einem sehr guten Verhältnis mit den Verwandten meines geschiedenen Ehemanns gestanden bzw. bin von dessen Mutter geachtet worden“. Aus der Göppinger Verwandtschaft hatten nicht alle so harmonische Erinnerungen.
Der komische Onkel aus Stuttgart
Sylvia Hurst, geborene Doris Fleischer war eine Tochter von Bernhards Bruder Julius, der den Lebensrefom-Ideen anhing und sich vorwiegend vegetarisch ernährte. Den ‚Auftritt‘ ihres Onkels Bernhard und ihrer etwa gleichaltrigen Cousine Beate in Göppingen schildert sie in ihrem Buch ‚Laugh or Cry‘ (hier in deutscher Übersetzung):

„Onkel Bernhard, der ältere Bruder meines Vaters, war Rechtsanwalt. Er pflegte mit seiner Tochter Beate nur in improvisierten Versen zu sprechen, zumindest immer in unserer Gegenwart, und Beate antwortete auf die gleiche Weise. Das taten sie eine ganze Weile lang. Wir ‚normalen‘ Menschen waren sehr neidisch auf diese Gabe. Darüber hinaus fanden wir den dicken Onkel Bernhard mit seinen strammen römischen Locken und den winzigen Füßen, die ihn zum Wackeln brachten, ganz schrecklich! Er liebte es, uns zu necken, vor allem, indem er sich unschuldig über unsere hauptsächlich vegetarische Ernährung erkundigte. Haben wir außer Gras noch etwas anderes gegessen? Wie schmeckte es? Ich unterbrach ihn: ‚Vielleicht kann ich Mutter eine Einladung zum Essen entlocken‘ – er tat so, als hätte er mich nicht gehört, und fuhr fort, er könne nicht verstehen, warum es nicht mehr Leute probierten, es sei sehr gesund für die Kühe… und so weiter. Glücklicherweise besuchte er uns nur selten. Hätte er das öfter getan, hätte er gewusst, dass es immer Fleisch für Gäste gab.“

Berufsleben: Das fatale Kieswerk und die Dampfwaschanstalt ‚Blütenweiss‘
Über Bernhard Fleischers Berufspraxis ist wenig überliefert. Nach der Trennung vom Anwaltskollegen Martin Rothschild im Jahr 1916 ging er keine neue Anwaltspartnerschaft ein. Als Indiz für eine ‚normal‘ laufenden Praxis könnte man den Umstand werten, dass er von 1917 bis einschließlich 1935 (Adressbucheintragungen) eigene Büroadressen besaß, dass also Wohnung und Praxis getrennt waren. Ab Adressbuch 1936 bis 1939 firmiert er mit nur einer Adresse als ‚Rechtsanwalt‘, danach als ‚früherer Rechtsanwalt‘ oder ‚Privatmann‘. Die Boykott-Aufrufe der Nazis gegenüber jüdischen Anwälten werden ihm ab 1933 sicher Kundschaft gekostet haben, verbunden mit schwindenden Einkünften. Ab 1935, nach der Scheidung von Agathe (dazu im Weiteren später), nahmen sich beide Ex-Eheleute eigene, neue Wohnungen; bei Bernhard fiel die neue Wohnadresse mit der Kanzleiadresse zusammen und lautete Kronprinzstr. 36, 1.Stock. Zu dieser Zeit litt Bernhard Fleischer schon an einer fortgeschrittenen Erblindung, die ihn zusätzlich an der Ausübung seines Berufs hinderte und ihn auch im Alltag hilflos machte.
In finanzielle Probleme muss Bernhard Fleischer freilich schon vor der NS-Zeit geraten sein; Agathe Fleischer führt in einer Restitutionsakte aus:
„Er (Bernhard Fleischer – kmr) ist durch Darlehensgabe Inhaber eines Kieswerks im Rheinland geworden, bei dessen Geschäftsführung er betrogen worden ist, einen Prozess und viel Vermögen verloren hat. Da er im Rahmen dieser Vorgänge finanziell beeinträchtigt wurde, habe ich etwa im Jahre 1930 eine Wäscherei aufgemacht. Dabei ist mir die jüdische Abstammung meines Mannes sehr zustattengekommen, indem die Geschäftseröffnung durch jüdische Kundschaft erleichtert worden ist.“
Die erwähnte Wäscherei trug den schönen Titel ‚Dampfwaschanstalt Blütenweiss‘ und wurde am 26. April 1930 ins Handelsregister eingetragen mit Agathe Fleischer als Inhaberin. Das Unternehmen wurde erfolgreich, der Jahresumsatz stieg von 1.300 Reichsmark im Jahr 1936 auf 4.500 RM im Jahr 1940 und erlaubte Agathe nach der Trennung von Bernhard ein eigenständiges Auskommen und die Versorgung ihrer beiden Kinder. Womöglich hatte Agathe ihre Wäscherei anfänglich noch in der gemeinsamen Wohnung betrieben, denn die Geschäftsadresse Schlossstr. 69a taucht erstmals im Adressbuch von 1934 auf. Nach dem Adressbuch 1936 wohnte Agathe, inzwischen geschieden, benachbart zu ihrer Wäscherei im Haus Schlossstr. 69, zunächst noch unter dem Eintrag ‚Rechtsanwalts-Frau‘. Dieser Titel entfällt bei den Einträgen der folgenden Jahre. Wie die erst zehnjährige Beate, die bei ihrer Mutter lebte, mit der Trennung ihrer Eltern zurechtkam, bleibt offen. Ihr Vater hätte laut dem Scheidungsurteil monatlich 300 RM als Unterstützungsgeld zahlen sollen, was ihm aber nicht regelmäßig möglich war.
Zur Verarmung von Bernhard Fleischer trug auch seine zunehmende Erblindung bei. Allein aus diesem Grund war er anscheinend schon ab 1936 nicht mehr fähig, seinen Beruf auszuüben. Das Leiden dürfte einen ererbten Hintergrund gehabt haben, denn auch seine Cousinen Julie Goldstein und Rosa Fleischer sowie seine eigene Mutter erblindeten im fortgeschrittenen Alter.
Das Ende der zweiten Ehe / Grete Häussermann tritt in Bernhards Leben
Wie oben mehrfach erwähnt: Auch Bernhard Fleischers zweite Ehe scheiterte und es hat den Anschein, dass sein Leben ins Schleudern geriet. Ein Indiz dafür könnten die häufigen Wohnungswechsel zwischen 1935 und 1942 sein, die zunächst wohl nicht auf den Druck durch die NS-Verwaltung zurückzuführen sind. Auffällig ist, dass keine der späteren Adressen als ‚Judenhaus‘ zu interpretieren ist. Ausnahme davon war die Wohnung in der Eberhardstr. 1, wo 1941 übrigens auch sein jüdischer Rechtsanwaltskollege Benno Ostertag wohnte, mit dem Bernhard Fleischer einiges gemeinsam hatte, nicht zuletzt die Herkunft aus Göppingen.
Die Scheidung, bei der er ‚schuldig‘ gesprochen wird, wurde zum 18. März 1935 rechtskräftig. Agathe Fleischer gibt in einer eidesstattlichen Erklärung vom Jahr 1961 ihre Sicht wieder:
„Der verstorbene Verfolgte (Bernhard Fleischer – kmr) war einer Frau Häussermann förmlich verfallen gewesen. Diese hat ihn in geschmacklosester Weise abgepasst und mit ihm Zusammenkünfte gehabt, die mein damals 15-jähriger Sohn aus 1. Ehe beobachtet hat. (Aus dieser Altersangabe kann man ableiten, dass das Jahr 1931 gemeint ist.) Daraus haben heftige Zwistigkeiten zwischen diesem Sohn und meinem geschiedenen Ehemann resultiert. Ich habe immer wieder versucht, meinen geschiedenen Mann an mich zu ziehen und dem Einfluss der Frau Häussermann zu entziehen. (…) Ich habe mich nur äußerst ungern von meinem Mann getrennt und bin ihm heute noch zugetan, doch haben die beschriebenen Verhältnisse mich zur Scheidung gezwungen.“
Agathe Fleischer weist weiter darauf hin, dass sie ‚schuldlos‘ geschieden wurde und dass die Scheidung noch vor dem Inkrafttreten der ‚Nürnberger Gesetze‘ erfolgt sei – sie ihren Mann also nicht aus Opportunismus verlassen habe. Bernhard Fleischer hatte anscheinend die Scheidung abwenden wollen, wollte die Beziehung zu Grete Häussermann aber nicht beenden.
Grete ‚Gretchen‘ Häussermann, geb. Ebbinghaus (1886 – 1967) war mit dem Bankbeamten Julius Häussermann verheiratet gewesen, der 1934 starb. Sie hatte Bernhard Fleischer wohl schon zu Lebzeiten ihres Manns kennen und lieben gelernt, denn sie sagte vor einer Spruchkammer im Jahr 1948 aus, er sei der Rechtsbeistand des Ehepaars Häussermann gewesen..
In den Fängen der (Geheimen) Staatspolizei
Mit der Machtübertragung an die Nazis gerieten Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen PartnerInnen sofort in Verruf, nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze wurden sie kriminalisiert. Während seiner Ehe mit der Nichtjüdin Agathe stand Bernhard Fleischer unter dem unsicheren Schutz einer ‚Privilegierten Mischehe‘, die die NS-Verwaltung im Dezember 1938 formuliert hatte, ohne sie aber als Gesetz zu fixieren. Als ‚privilegierter Jude’, galt, wer mit einer ‚Arierin‘ nach deutschem Recht verheiratet war und wenn dabei die gemeinsamen Kinder ‚nichtjüdisch‘ erzogen wurden. Der Status bot dem jüdischen Ehepartner zunächst Schutz vor Deportation und verpflichtete ihn auch nicht zum Tragen des ‚Judensterns‘.
Oft blieben auch geschiedene jüdische Ex-Partner de facto im bisherigen Status, zumal, wenn sie Kinder hatten. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November wurde auch Bernhard Fleischer verhaftet. Vermutlich wurde er nicht ins KZ Dachau verbracht, weil er erst 59 Jahre alt war – somit wird es keine Rolle gespielt haben, dass er von seiner nichtjüdischen Frau geschieden war.
Da die Bestimmungen der ‚Privilegierten Mischehe‘ aber nicht in Gesetzesform festgehalten waren, konnten örtliche Judenreferate auch willkürliche Entscheidungen treffen. In Stuttgart war es der Kriminalangestellte Alfred Amthor, der tätig werden sollte, denn das (Liebes?) Verhältnis zwischen der ‚Arierin‘ Grete Häussermann und dem geschiedenen ‚Juden‘ Bernhard Fleischer wurde bald öffentlich wahrgenommen bzw. vermutlich denunziert.
Alfred Amthor – ein sehr ‚williger Vollstrecker‘
Amthor, 1904 in Stuttgart geboren, war Kaufmann von Beruf. Nach einem längerem Auslandsaufenthalt 1936 nach Stuttgart zurückgekehrt, bewarb er sich 1939 auf eine chiffrierte Stellenanzeige hin als Kraftfahrer. Hinter der Anzeige verbarg sich die Staatspolizei (Stapo). Alfred Amthor erhielt dort einen Arbeitsplatz angeboten, zwar nicht als Kraftfahrer, sondern als Kriminalangestellter, was ihn nicht hinderte, die Stelle anzunehmen. Ab 1941 umfasste sein Aufgabengebiet zwei ‚Judensachgebiete‘. Roland Maier beschreibt Amthors Verhalten im Buch ‚Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern‘:
„Auch wenn antisemitische Überzeugungen nicht sein bestimmendes Motiv gewesen zu sein schienen, galt er doch bei den Juden als einer der unbeliebtesten und gefürchtetsten Sachbearbeiter. Auffallend viele der Fälle, die er bearbeitete, führten zur Einweisung in Konzentrationslager und in der Folge zum Tode der Betroffenen.“
Roland Maier führt Amthors Verhalten auf seine Position zurück:
„Dies deutet darauf hin, dass er als Neueinsteiger bei Polizei und Partei durch ‚schneidiges‘ Gebaren seine subalterne Stellung als Angestellter ohne Unterschriftsberechtigung zu kompensieren suchte“.
Stationen zur Ermordung Bernhard Fleischers
Am 18. Mai 1942 wurde Bernhard Fleischer, der zu dem Zeitpunkt in der Schlosserstr. 24 wohnte, wegen ‚Beziehung zu einer Arierin‘ in Stuttgart verhaftet und wahrscheinlich im Polizeigefängnis, Büchsenstr. 37 festgehalten. Nach etwa zwei Wochen, am 2. Juni 1942, wurde er zusammen mit zehn weiteren Gefangenen von Schorndorf per Bahn in das Konzentrationslager/Polizeigefängnis Welzheim verbracht. Ob es von Stuttgart kommend einen Zwischenaufenthalt im Schorndorfer Gefängnis gab, ist nicht überliefert. Zu den Haftbedingungen in Welzheim führt Roland Maier (s.o.) aus:
„Die Verhältnisse waren beengt, eine etwa zweieinhalb Meter breite und drei Meter lange Zelle konnte mit bis zu sechs Mann belegt werden“.
Bernhard Fleischers Haft in Welzheim dauerte bis Anfang Juli 1942, am 10. des Monats wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar eingeliefert. Er erhielt die Häftlingsnummer 848 und galt als ‚Politischer Häftling‘.
Bernhard Fleischer starb am 17. September 1942 im ‚Häftlingskrankenbau‘ des Konzentrationslager Buchenwald. Als Todesursache galt offiziell ‚Herz- und Altersschwäche‘. Die Umstände seines Todes sind uns nicht bekannt; folgt man den Schilderungen des Lagerlebens im KZ Buchenwald, muss man sich Bernhard Fleischers letzte Lebensmonate als grauenhafte vorstellen.

Im Bezug auf homosexuelle NS-Opfer ist der Ausdruck ‚Der Liebe wegen‘ geprägt worden. Auf Bernhard Fleischer und Grete Häussermann trifft er auch zu. Als nach dem Krieg Restitutionsverfahren eingeleitet wurden, waren Bernhards Töchter Anneliese und Beate je zur Hälfte erbberechtigt. Bernhard Fleischer hatte, abgesehen von einigen Kleidungsstücken aber nichts hinterlassen, es gab auch kein vom Nazi-Staat geraubtes Vermögen, das den Erbinnen hätte zurückerstattet werden können.
Die Urne mit den sterblichen Überresten wurde seiner Tochter Beate zugestellt und vermutlich von ihr auf dem Stuttgarter Pragfriedhof beigesetzt. Dieses ursprüngliche Grab wurde durch Fliegerbomben zerstört. Heute erinnert anstelle des Grabsteins ein beschrifteter Ziegelstein an Bernhard Fleischers letzte Ruhestätte.

Das Spruchkammerverfahren zu Alfred Amthor
Ab 1946 musste sich Alfred Amthor vor der Spruchkammer des Interniertenlagers Ludwigsburg-Oßweil verantworten. Unter anderem ging es dabei auch um den ‚Fall Häussermann/Fleischer‘. Als eine Zeugin der Anklage schilderte Grete Häussermann ihre Erfahrungen mit Alfred Amthor:
„Am 19.5.1942 wurde ich zum ersten Mal durch Herrn A. verhaftet. Ich habe damals einen Mann jüdischer Abstammung, der schon beinahe erblindet war, unterstützt. Solange Herr A. dienstlich in meiner Wohnung war, hat er sich durchaus korrekt benommen und mir gewisse Erleichterungen gewährt. Sobald wir aber in seinem Amte waren, hat er sich sehr aufgeblasen benommen und mich mit den unflätigsten Ausdrücken beschimpft. U.a. führte er aus: ‚Wie kann sich eine deutsche Frau dazu hergeben, einem solch schmutzigen Judengesindel behilflich zu sein. Die Juden sind überhaupt keine Menschen!“
Frau Häussermann kam nach dieser Vernehmung, die im ‚Hotel Silber‘ stattfand, für etwa 20 Tage in ‚Schutzhaft‘ und zwar in das Polizeigefängnis in der Büchsenstraße, von wo sie dann ohne weitere Vernehmung entlassen wurde. Sie führt weiter aus:
„Am 25.6.1942 wurde ich in derselben Angelegenheit zum zweiten Male durch Herrn A. verhaftet. Bei dieser Gelegenheit ließ er mich jedoch in Ruhe. Am 10.7.42 kam ich auf Transport nach Ravensbrück, wo ich bis zum 9.10.42 festgehalten wurde.“
Auch an Amthors Verhalten gegenüber Bernhard Fleischer, erinnerte sich Grete Häussermann:
„Herr Fleischer ist auch von Amthor verhaftet worden, und er hat sich dem alten Herrn gegenüber schmählich geäußert“.
Wie fast alle NS-Täter*innen redete sich Alfred Amthor auch im ‚Fall Fleischer‘ auf Befehlsnotstand heraus:
„Ich konnte die Anzeige von der Partei nicht vernichten, sondern musste sie bearbeiten. Es musste Schutzhaftantrag gestellt werden. Es lag nicht in meiner Macht, der Sache eine andere Richtung zu geben.“
Am 23. Mai 1949 wurde das Urteil der Zentral-Berufungskammer Nord-Württemberg rechtskräftig, Alfred Amthor wurde als ‚Hauptschuldiger‘ eingestuft. In der Urteilsbegründung heißt es „…da Amthor für die Gestapo ‚in einer mit Menschlichkeit nicht zu vereinbarenden Weise‘ agiert habe“. Amthors Strafe umfasste unter anderem drei Jahre Haft in einem Arbeitslager. Als Gestapoangehöriger war Alfred Amthor aber auch an den Deportationen von tausenden Juden und Jüdinnen beteiligt. 1951 kam es zu einem Prozess vor dem Schwurgericht Stuttgart. Im weiteren Verfahren wurden Alfred Amthor und Andere vom Vorwurf der ‚Beihilfe zur erschwerten Freiheitsberaubung im Amt u.a.‘ freigesprochen, da auch das Gericht den behaupteten ‚Befehlsnotstand‘ akzeptierte.
Ermordete aus den Familien Fleischer und Bikard
In der Familie Fleischer blieb Bernhard leider nicht das einzige Opfer der Nazi-Diktatur: Seine Brüder Julius und Arthur, deren Ehefrauen sowie seine Cousinen Rosa Fleischer, Emilie Goldstein und Martha Albert mit Familie wurden in der Shoah ermordet, seine Cousine Pauline Guggenheim floh in den Tod.
Bernhards Mutter Emilie Fleischer, die vom Göppinger Nazi-Oberbürgermeister Dr. Erich Pack rechtswidrig aus ihrer Göppinger Wohnung vertrieben worden war, starb im April 1938 im Stuttgarter Jüdischen Schwesternwohnheim in der Dillmannstraße.

Als einzige seiner Geschwister überlebte Bernhards Schwester Paula Ries, geb. Fleischer

die Shoah. Sie konnte 1939 nach England fliehen, wo schon drei ihrer Kinder lebten.
Aus der Familie Bikard verlor Hedwig Baschwitz, geb. Bikard, im März 1943 ihr Leben im Abschiebelager Westerbork in den besetzten Niederlanden. Sie war eine Tante von Emma Fleischer/Schrag. Die Familie Baschwitz war aus Deutschland in die Niederlande/Amsterdam geflohen und geriet nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht im Mai 1940 wieder in den Machtbereich der Nazis. Emmas Cousin Prof. Siegfried Kurt Baschwitz und seine Familie überlebten im Untergrund und im Widerstand.
Emmas Eltern Klara und Adolf Bikard konnten sich rechtzeitig in die Schweiz retten, wo sie die NS-Zeit überlebten.
Das weitere Leben Agathe Fleischers und der drei Halbschwestern Anneliese, Ursula und Beate
Anneliese Levisohn, geb. Fleischer und ihr Mann eröffneten in Haifa ein Lebensmittelgeschäft, das sie wegen Unrentabilität 1942 aufgeben mussten. Danach arbeitete Anneliese als Pediküre, ihr Mann als Arbeiter. Diese erste Ehe endete 1951, in Izhak Gruber fand sie einen neuen Lebenspartner.

Auch diese Partnerschaft war nicht mit materiellem Reichtum gesegnet, Izhak erkrankte und konnte nur noch halbtags arbeiten. 1956 wurde erwogen, nach Deutschland zurückzukehren, der Plan aber verworfen. Anneliese Gruber, geb. Fleischer starb 1994 verwitwet und kinderlos in Ramat Gan. Mit ihrer Halbschwester Ursula Schrag und mit ihren in Israel lebenden, aus Göppingen stammenden Cousins und Cousinen stand sie in engem Kontakt.
Annelieses Halbschwester mütterlicherseits Ursula Schrag lebte während der Nazi-Zeit als ‚Halbjüdin‘ bei aller Unterstützung durch die väterliche Familie in einer latent bedrohlichen Situation. 1943 musste sie die Schule verlassen und wurde gezwungen, bei Zeiss Ikon in der Rüstungsindustrie zu arbeiten. Nach dem Krieg holte sie auf der Waldorfschule die ihr verbotene Bildung nach und begann nach dem Schulabschluss eine Töpferlehre. Später absolvierte sie eine Lehre zur Zahntechnikerin und arbeitete in diesem Beruf. 1952 heiratete sie Heinz Ivers-Tiffée und bekam mit ihm zwei Kinder. Später arbeitete sie als Chefsekretärin in einem Herzzentrum. Ursula Ivers–Tiffée, geb. Schrag starb im Jahr 2015.
Über Annelieses Halbschwester väterlicherseits Beate Drobig, geb. Fleischer wissen wir nur wenig; auch sie wird als ‚Halbjüdin‘ in der NS-Zeit schikaniert und benachteiligt worden sein. Da war es naheliegend, dass sie zunächst in der Waschanstalt ihrer Mutter mitarbeitete. Nach Kriegsende verlegten Beate und Agathe Fleischer ihren Betrieb nach Rutesheim, wo er bis Mitte 1961 bestand. 1947 hatte Beate Karl Hermann Schechinger geheiratet; die Ehe endete nach drei Jahren. 1955 zogen Agathe und Beate nach Leonberg-Eltingen und im gleichen Jahr verheiratete sich Beate dort mit dem 14 Jahre älteren Hans Paul Drobig, der aus Oberschlesien stammte. Agathe Fleischer, die nicht wieder geheiratet hatte, starb am 30. Oktober 1977 in Leonberg-Eltingen. Ihre Tochter Beate Drobig, geb. Fleischer starb 2017 ebenfalls in Leonberg. Sie hatte keine Nachkommen.
Im Herbst 2026 wird in Stuttgart, Schlosstr. 83 ein Stolperstein zum Andenken an Bernhard Fleischer verlegt werden.
Informationen zur 2. Ehe von Emma Fleischer, geb. Bikard mit Arthur Schrag verdanken wir dem Buch von Claudia Lorenz: ‚Lebens-Bahnen, Persönlichkeiten aus Stuttgarts Nahverkehr Band 4‘ (ISBN 978-3-9819803-3-2). Darüber hinaus danken wir Frau Bettina Ivers-Tiffée für weitere Einsichten in die Familiengeschichte und für dazugehörige Fotos. Über die Rolle des Stapo-Angestellten Alfred Amthor bei der Verfolgung von Bernhard Fleischer und Grete Häussermann informierten wir uns in: Ingrid Benz, Sigrid Brüggemann, Roland Maier (Hrsg.) ‚Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern’ (ISBN 3-978-89657-145-1).
(06.03.2026 kmr)

