Vorgesehener Verlegeort: Göppingen, Poststraße 25
Ein Preuße in Göppingen
Seit etwa 1902 wohnte Dr. med. dent. Albert Salinger in Göppingen. Er war 1877 im ehemaligen Westpreußen geboren worden, in seiner Heimatstadt Deutsch Krone (heute: Wałcz/Polen) wohnten zur Zeit seiner Geburt etwa 63.000 Einwohnerinnen und Einwohner, darunter gut 2.000 jüdischen Glaubens, dem auch Albert Salinger angehörte. Sein Vater David, von Beruf Kaufmann, war mit Minna, geb. Nathusius verheiratet. Albert hatte zumindest einen älteren Bruder namens Hermann. Vom Wintersemester 1896/97 bis zum Wintersemester 1898/99 studierte Albert an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin das Fach ‚Zahnheilkunde‘. Zuvor hatte er ein Semester an der Universität von Greifswald verbracht. Sein Bildungsgang ist typisch für ein begabtes Kind aus einer jüdischen Kaufmanns-Familie: zumindest einem der Kinder sollte ein akademischer Beruf ermöglicht werden.
Wo Albert seinen Studienabschluss vollzogen hat, ist nicht überliefert, ebenso wenig was ihn bewogen hat, nach Göppingen zu ziehen, wo er vermutlich erstmalig praktizierte. Allerdings konnte er sicher sein, hier als Zahnarzt gebraucht zu werden, denn 1902 praktizierten außer ihm nur zwei Berufskollegen in der Stadt. Seine erste Adresse war die Obere Marktstraße 36, wo er zur Miete wohnte.

Nordöstlich der alten Kernstadt gelegen, befand sich das 1895 erbaute Haus am Rand des ersten Villenviertel Göppingens. Aus dem Jahr 1903 stammt ein Dokument, demzufolge Dr. Salinger auch KassenpatientInnen behandeln durfte.

Während der nächsten 10 Jahren lebte Dr. Salinger unauffällig (zurückgezogen?) in Göppingen; in der Jüdischen Gemeinde engagierte er sich nicht. Vielleicht war es kein Zufall, dass er hier keine Partnerin fand, denn am 27 .Dezember 1913 heiratete er Milda Rosenthal, die im sächsischen Annaberg im Jahr 1890 zur Welt gekommen war. Die Hochzeit fand 1913 in Dresden statt, der sächsischen Metropole.
Milda Rosenthal
Milda war die dritte von fünf Schwestern, den Kindern von Flora/Fromet, geb. Schiller und Hermann/Chaim Rosenthal. In der sächsischen Bergbaustadt Annaberg (heute: Annaberg-Buchholz), die im Erzgebirge liegt, gehörten ihre Eltern zu den Gründern der (liberalen) Jüdischen Gemeinde, die 1890 gerade erst 78 Personen umfasste. Hermann Rosenthal, in Samter, Provinz Posen (heute: Szamotuły/ Polen) geboren, hatte sich 1884 in Annaberg niedergelassen und zunächst in der Buchholzerstraße ein Bekleidungsgeschäft eröffnet, das später in die Wolkensteinerstraße verlegt wurde.

Mildas Eltern zogen weiter nach Breslau und schließlich nach Berlin, wo unter anderen auch Mildas älteste Schwester Rosa Alma Jakobsohn lebte. Ob Milda in ihrer Jugend eine Ausbildung erhalten hat, ist nicht überliefert.
Eine neue Adresse und Kriegsdienst
Milda und Albert fanden eine gemeinsame Wohnung und Praxis in der Göppinger Poststraße 25, einem eindrucksvollem Gebäude, das sich im Eigentum der nahe gelegenen Kartonagenfabrik Schiettinger befand. Kuno Fleischer, Mitinhaber der bedeutenden Papierfabrik in Eislingen war ein Wohnungsnachbar der Salingers, was bestätigt, dass es sich um eine ‚gute‘ Wohnadresse handelte.

Wie sein Nachbar Kuno Fleischer war auch Albert Salinger Mitglied der Göppinger Sektion des ‚Deutschen und Österreichischen Alpenvereins‘. Hier war er zeitweise ein aktiver Tourengänger, wie es seine Tourenberichte aus den Jahren 1903/04 belegen.
Anders als zu erwarten war, blieb das Ehepaar Salinger zunächst kinderlos. Vielmehr schnitt der Erste Weltkrieg auch in das Leben von Milda und Albert ein. Albert Salinger hatte 1895 – 96 eine ‚Einjährige‘ freiwillige Militärausbildung absolviert, in drei späteren Jahren war er zu Übungen eingezogen worden. Ab 1916 wurde er als ‚Feldzahnarzt‘ eingesetzt, in den Jahren 1916 – 18 wohl auch in frontnahen Lazaretten, denn er wurde im August 1918 verwundet und darauf hin mit dem Württembergischen Kriegsorden ‚Charlottenkreuz‘ ausgezeichnet. In den Nachkriegsjahren betätigte sich Albert Salinger in der Göppinger Ortsgruppe des ‚Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten‘, wo er von 1923 – 25 im Vorstand tätig war und 1936 zum Kassier gewählt wurde – der einzigen jüdischen Organisation, der er angehörte. Die Göppinger Ortsgruppe war im November 1921 gegründet worden und umfasste 30 Mitglieder. Zentrales Anliegen des Bundes war es, der Lüge entgegenzutreten, jüdische Deutsche hätten sich der Kriegsteilnahme entzogen.
Elfriede und Heinz Martin
Noch im letzten Kriegsjahr, genauer gesagt am 24. Februar 1918, wurde Elfriede Salinger in Göppingen geboren

und drei Jahre später, am 3. März 1921, kam Heinz Martin Salinger zur Welt.

Heinz und Elfriede ca.1929 (Quelle: privat)
Spielkameraden fanden Elfriede und Heinz in den Nachbarskindern aus der christlichen Familie Tausch, die in der Poststr. 45 ein Fachgeschäft für Haushaltswaren betrieb.

Dass aber auch eine Verbindung zu den Kindern aus der jüdischen Gemeinde bestand, belegt ein Dokument aus dem Jahr 1929. Bei der Chanukka-Feier im Hotel Dettelbacher verkörperte Elfriede die ‚Königin Rose‘, als das Kinder-Theaterspiel ‚Prinzess Vergissmeinichts Hochzeit‘ aufgeführt wurde.

Nicht nur ihre Tochter Elfriede hatte Interesse am Rollenspiel: Auch vom Ehepaar Salinger existiert ein Foto in spielerischer Verkleidung.

(Quelle: Initiative Stolpersteine Göppingen)
Unbeschwerte Kindheit lassen auch die beiden Fotos vermuten, die anlässlich des Maientags im Jahr 1928 aufgenommen wurden (der ‚Maientag‘ ist das jährliche Göppinger Stadt–, Friedens- und Kinderfest).


Heinz Martin Salinger, gerade 11 Jahre alt, starb am 11. September 1932. Sein Grab liegt auf dem Göppinger Friedhof, Israelitische Abteilung – Heinz Tod war sicher ein schreckliches Ereignis für die Eltern und seine Schwester!

Wie die Überschrift auf dem Grabstein nahe legt, sollte die Grabstelle als Familiengrab dienen. Dass sie aus Deutschland vertrieben werden sollten, war der Familie im Jahr 1932 anscheinend noch undenkbar.
Elfriede besuchte in Göppingen die Höhere Handelsschule, ob sie einen Schulabschluss erreichen konnte, ist nicht überliefert. Wie sich ihre Tochter erinnert, wäre sie gerne Ärztin geworden, ein Studium wäre ihr in der Nazi – Zeit aber verwehrt gewesen.

Zur Göppinger Familie gehörte auch, seit wann ist nicht dokumentiert, Milda Salingers seit 1928 verwitwete Mutter Flora Fromet Rosenthal, geb. Schiller. Sie war vermutlich nach dem Tod ihres Mannes von Berlin nach Göppingen gezogen und kehrte Ende Juni 1936 wieder nach Berlin zurück. Sehr wahrscheinlich hat sie in der Wohnung der Salingers gelebt. Ebenfalls in Göppingen lebte zeitweilig auch Mildas Schwester Alma Rosa Jakobsohn, geb. Rosenthal, die eigentlich in Berlin verheiratet war. Überliefert ist nur der Termin ihres Wegzugs von Göppingen nach Berlin am 29. August 1938.
Die Familie Salinger in der Nazi-Zeit
In Göppingen
Elfriedes Schulabschluss im Jahr fiel also schon in die Zeit der Nazi-Diktatur und sie wird schon Probleme bei der Suche nach Arbeit gehabt haben. Nur wenige nichtjüdische Arbeitgeber waren noch bereit, jüdische Angestellte zu beschäftigen. Ein Aufenthalt Elfriedes in Heilbronn im Jahr 1938 gibt Rätsel auf. Anscheinend wohnte sie für kurze Zeit im Haus der Unternehmerfamilie Kahn in der Badstr. 10. War sie als Betreuerin der zweijährigen Valerie Kahn angestellt? In Heilbronn machte sie die Bekanntschaft eines ‚Julian‘, der ihr zum 20. Geburtstag das Buch ‚Hirtennovelle‘ von Ernst Wiechert schenkte.

Da Elfriede mit ihren Eltern Ende August nach Berlin zog, kann ihr Aufenthalt in Heilbronn nur kurz gewesen sein. Womöglich bleib sie aber bei der Familie Kahn bis zu deren Flucht im Januar 1939 und folgte ihren Eltern erst dann nach Berlin.
Zurück nach Göppingen: Noch durfte Albert Salinger seinen Beruf ausüben, aber der Boykott-Druck auf seine nichtjüdischen Patientinnen und Patienten dürfte dazu geführt haben, dass seine Einkünfte zurückgingen. Das war vielleicht der Grund für die Verlegung von Wohnung und Praxis in den Jahren 1935 bis 37 in das Haus Bahnhofstraße 6, das damals noch der jüdischen Familie Gutmann gehörte.

Vermutlich nutzte Albert Salinger dort kleinere Räumen als bislang und zahlte entsprechend weniger Miete. In die früheren Praxisräume in der Poststraße zog der Dentist Lothar Bauer, damals ein Mitglied der NSDAP. Für eine erzwungene Verdrängung gibt es aber keine Hinweise. Dass Albert Salinger in den früheren Jahren eine Sprechstundenhilfe beschäftigt hatte, ist wahrscheinlich. Während seiner letzten Jahre in Göppingen assistierte ihm die etwa 16-jährige Margarete (‚Gretl‘) Rosenfeld, die aus einer Stuttgarter jüdischen Familie stammte und nach ihrer Flucht in die USA den aus Göppingen stammenden Leopold Guggenheim heiratete. Dass Gretl täglich mit dem Zug von Stuttgart nach Göppingen musste, kann als Hinweis gelten, wie schwierig es damals für jüdische Deutsche wurde, eine angemessenen Arbeit zu finden.
Am 29. September 1938 verließ die Familie Salinger die Stadt, in der Albert seit 36 Jahren gelebt hatte und zog nach Berlin-Charlottenburg. Mit ihnen zog auch Mildas Schwester Alma Rosa Jakobsohn, die einige Zeit in Göppingen gewohnt hatte. Göppingen war aber schon seit Jahren nicht mehr die Stadt, in der sich jüdische Bürger heimisch fühlen konnten. Nachbarn, wie z.B. Gustav Tausch, mit dessen Kindern Lieselotte und Werner die Salinger-Kinder befreundet waren, hatte sich, ungeachtet der eigenen Erfahrungen, den antisemitischen Nazis angeschlossen. Als kommissarischer Kreisfilmstellenleiter hatte er eine erhebliche Funktion im Propagandaapparat der lokalen Nazis inne. Anders verhielt sich seine Frau Elsa, geb. Zendel, die keiner NS-Organisation angehörte und erst recht sein Schwiegersohn Gerhard Bailer, den man als Nazi-Gegner einstufen kann.

In Berlin
In das ferne Berlin zu ziehen, war für die Familie Salinger naheliegend, wohnten dort doch viele Verwandte, nicht zuletzt Milda Salingers betagte, verwitwete Mutter Flora Rosenthal. Auf jeden Fall lebten in Berlin Mildas Tante Selma Cäcilie Fränkel, ihr Onkel Siegmund Schiller, ihre Cousinen Herta Cohn, Elsbeth Prinz und ihr Cousin Erich Fränkel. Von Alberts Seite traf man in Berlin zumindest auf seinen Bruder Hermann Salinger. Milda, Albert und Elfriede, einschließlich Mildas Mutter, fanden eine Wohnung in der Lietzenburgerstraße in Berlin-Charlottenburg und Albert Salinger konnte vermutlich auch für kurze Zeit wieder als allgemeiner Zahnarzt praktizieren.
Mit dem Januar 1939 wurde jüdischen Zahnärzten in Deutschland die Approbation entzogen; wenige durften danach noch als ‚Zahnbehandler für jüdische Zahnkranke‘ tätig sein – Dr. Albert Salinger gehörte zu diesen.

Nach der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 scheint Albert Salinger nicht in ein KZ verbracht worden zu sein. Ob er verhaftet und nach kurzer Zeit aus einem lokalen Gefängnis wieder freigelassen wurde, muss offenbleiben. Wie sich die ökonomische Situation der Familie entwickelte, ist nicht überliefert, ebenso wenig, ob Milda und Tochter Elfriede zum Familieneinkommen beitragen konnten bzw. mussten.
Während Albert Salinger anscheinend noch davon ausging, dass der Nazi-Staat im Kriegsfall nicht auf die jüdischen deutschen Männer verzichten könne, bereitete seine Frau die Flucht der Tochter Elfriede aus Deutschland vor.
Zunächst aber, gültig ab dem 1. Januar 1939, waren die Salingers gezwungen, ihre Vornamen dem Vorstellungen der Nazis anzupassen, deren Ziel es war, alle Jüdinnen und Juden als ‚Fremde‘ auszugrenzen. Gewöhnlich beugten sich jüdische Deutsche dem Zwang, indem sie zusätzlich zum bisherigen Vornamen die Zwangsnamen ‚Sarah‘ und ‚Israel‘ annahmen. Die Nazis boten aber auch an, die ursprünglichen Vornamen abzulegen und einen ‚jüdischen‘ anzunehmen, wobei die Auswahl willkürlich vorgegeben wurde. Eine Wahlmöglichkeit als Karikatur von Selbstbestimmung? Dafür ‚entschieden‘ sich Albert und Elfriede: Sie nannten sich jetzt ‚Abel‘ und ‚Judis‘, während Frau Salinger den Zusatznamen ‚Sarah‘ benutzte. Zur erwähnten Willkür der Nazis: Selbst der Name ‚Judith‘, der hebräischen Ursprungs ist, durfte von jüdischen Deutschen nicht benutzt werden – daher die ungewöhnliche Variante ‚Judis‘.

Elfriede Salingers Flucht nach Großbritannien
Elfriede ‚Judis‘ Salinger wurde im Jahr 1939 21 Jahre alt, kam also für den ‚Kindertransport‘ jüdischer Kinder nach England nicht mehr in Frage. Ihrer Mutter Milda muss es aber gelungen sein, in Großbritannien eine Familie zu finden, die bereit war, Elfriede aufzunehmen und zu beschäftigen.
David Horsley, Elfriedes Sohn, schreibt dazu: „Das wenige, was ich weiß, ist, dass mit einer Familie in Sevenoaks, Kent, vereinbart worden war, dass sie dort bleiben, im Haushalt helfen und auf die Kinder aufpassen würde. Meine Mutter erzählte mir, dass sie Berlin verließ, um über Belgien oder Holland zu reisen, um dort ein Schiff nach Großbritannien zu nehmen. Im Zug wurde sie von deutschen Beamten schikaniert, aber von einigen englischen Zugreisenden geschützt.“

In Großbritannien benutze Elfriede ihren eigentlichen Vornamen, der dort ungebräuchlich ist, nicht mehr, sondern nannte sich Judith bzw.‚Judy‘ – in Kurzform. Die Bedrohung durch Nazi-Deutschland erfuhr Judy Salinger aber auch an ihrem Zufluchtsort. Dazu David Horsley: „Wie die meisten Londoner erlebte sie während des Krieges die Bombenangriffe im Südwesten Londons.“
Später lernte Judy den zwei Jahre älteren Engländer James ‚Jim‘ Horsley kennen und lieben. Die beiden heirateten im September 1941. Dass James ein Christ, Judy Jüdin war, spielte keine Rolle. Wie schon angedeutet, dürfte die Familie Salinger ohnehin wenig Bezug zum Glauben gehabt haben. Die Ehe, ohnehin in der bedrückenden Zeit des Krieges geschlossen, begann mit einem traurigen Ereignis: 1942 brachte Judy Zwillinge zur Welt, ein Kind als Totgeburt, das zweite starb kurz nach der Geburt. Im Jahr 1943 wurde dann die gemeinsame Tochter Pauline Horsley geboren, 1945 der Sohn David.
Zur Lebenseinstellung seiner Mutter schreibt David Horsley: „Sie war eine Person, die immer aktiv war und neue Dinge ausprobierte. Sie liebte es, in ihrer Muttersprache Deutsch zu sprechen, und ich erinnere mich, dass sie sich gern mit jungen deutschen Touristen unterhielt. Älteren gegenüber war sie offensichtlich vorsichtig.“
Albert und Milda Salinger: Tod und Deportation
Nach ihrer Flucht blieb Elfriede Salinger über Rote Kreuz-Telegramme mit ihren Eltern in Kontakt. So erfuhr sie auch, dass ihr Vater Albert Salinger am 8. Dezember 1941 in Berlin gestorben war. Albert Salinger wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee beigesetzt. Laut Sterbeurkunde war Albert Salinger an Arterienverkalkung gestorben. Auch vom Tod ihrer 87-jährigen Großmutter Flora Rosenthal, die in Berlin am 23. Januar 1943 gestorben war, wusste sie noch. Auch Flora fand eine Grabstätte in Berlin, sie wurde im Grab ihres 1918 gestorbenen Ehemanns Hermann Rosenthal beigesetzt.
Erst nach dem Krieg erfuhr Elfriede/Judy Salinger vom Schicksal ihrer Mutter: Milda Salinger, die wenige Tage zuvor ihre eigene Mutter verloren hatte, wurde mit dem ‚Ost-Transport Nr. 28‘ von Berlin am 3. Februar 1943 zusammen mit weiteren 951 Menschen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort von den Nazi-Deutschen ermordet.
Weitere Schicksale aus den Familien
In der Familie Salinger
Da sich Albert Salingers Herkunftsfamilie nur bruchstückhaft rekonstruieren lies, ist bislang nur bekannt, dass Alberts älterer Bruder Hermann Salinger, der auch in Berlin wohnte, am 19. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet wurde. Hermann war mit der Nichtjüdin Johanna, geb. Fehling verheiratet gewesen. Mit ihrem Tod im Jahr 1936 hatte er den Schutz einer ‚privilegierten Mischehe’ verloren.
In den Familien Rosenthal/Schiller/Nathusius, die in grauenhafter Weise unter den Raubmördern litten
Mildas ältere Schwester Rosa Alma Jacobsohn, geb. Rosenthal, die ebenfalls in Berlin-Charlottenburg wohnte, war wenige Wochen vor Milda zur Witwe geworden. Ihre Söhne Benno und Hans konnten in die USA fliehen. Rosa wurde am 28. März 1942 in das Ghetto Piaski deportiert und in der Folge ermordet.
Margarete Panofski, geb. Rosenthal, eine weitere Schwester Milda Salingers, war schon 1918 gestorben. Ihr Witwer Max Pankowski konnte in der NS-Zeit nach Shanghai / China entkommen, die Töchter Betty und Ilse retteten sich nach Schweden.
Mildas Cousine Hertha Cohn, geb. Nathusius wohnte in Berlin-Friedrichshain. Sie und ihr Ehemann Hermann Cohn wurden am 25. Januar 1942 in das Ghetto von Riga abgeschoben und dort ermordet. Deren Tochter Lydia Cohn wurde am 1.11.1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert; Lydias Schwester Gerda Cohn erfuhr das gleiche Schicksal am 26. Februar 1943. Auch der Sohn Isbert Cohn wurde im Vernichtungslager Auschwitz ermordet und zwar am 29. November 1942.
Mildas Cousine Elsbeth Prinz, geb. Nathusius, die als Witwe in Berlin-Friedrichshain lebte, wurde am 3. Oktober 1942 in das Konzentrationslager Ghetto Theresienstadt verbracht, wo sie am 17. April 1944 aufgrund der mörderischen Lebensumstände starb. Ihre Tochter Rita Prinz wurde am 24. September 1942 zunächst in das Lager Raasiku bei Tallinn/Estland deportiert; am 23. August 1944 wurde sie in das KZ Stutthof bei Danzig eingeliefert, wo sie am 27. Dezember ermordet wurde. Für beide liegen Stolpersteine in der Berliner Niederbarnimstr. 7.
Mildas Tante Selma Cäcilie Fränkel, geb. Schiller lebte als Witwe in Berlin-Kreuzberg. Am 10. September 1942 wurde sie in das Konzentrationslager Ghetto Theresienstadt verbracht und am 29. September des gleichen Jahrs im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Ihr Sohn Erich Fränkel (auch ein Cousin Mildas) wurde am 12. März 1943 von Berlin aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Mildas Onkel Siegmund Schiller, der alleinstehend in Berlin-Kreuzberg lebte, wurde am 19. Januar 1942 in das Ghetto von Riga verbracht, wo der 74-Jährige drei Tage später ermordet wurde.
Nach dem Weltkrieg
Judith und James Horsley lebten weiter im Umfeld von Groß-Londen. James betätigte sich lange Zeit als Militärmusiker, später als Bankbote, während Judith neben dem Haushalt und der Kindererziehung als Verkäuferin, Haushälterin und zuletzt als Kassiererin in einer kleinen Fabrik arbeitete. Judith und James Horsley konnten sich über ihre vier Enkelkinder freuen; drei stammten von der Tochter Pauline, eines vom Sohn David.


Erst im Jahr 1967 erfolgte eine Erbschaftsverfahren, in dem das Erbe von Mildas Salingers Mutter Flora Rosenthal auf die lebenden Nachkommen verteilt wurde, darunter auch Judith Horsley. Weitere Restitutionsverfahren gab es in der Familie nicht.
Milda Salinger hatte das Erbe ihrer Mutter ja nie persönlich antreten können. Milda selbst hinterließ dafür ein Erbe der besonderen Art, wie es ihr Enkel David Horsley in Worte gefasst hat:
Gedicht für Milda (Gewidmet Judy, meiner Mutter)
Milda ist meine Heldin
Ich habe sie nie kennengelernt
Die Mutter meiner Mutter
Sie führte ein gutes Leben
Bis die Gangster die Macht übernahmen
Ich weiß, dass sie ihr Leben genossen hat
Ich sehe es auf den Fotos
Dann wurde sie verfolgt
Sie sorgte dafür, dass ihre Tochter in Sicherheit war
Schickte sie in ein neues Leben nach England
Aber Milda blieb
Kümmerte sich um ihren Mann und ihre Mutter
Er starb an einem Herzinfarkt
Sie an Altersschwäche
Milda trug allein
Lebte von winzigen Rationen
Dann holten sie sie
Eingepfercht in einen Viehwaggon
Wusste sie, wohin die Reise ging?
Ich weiß es nicht
Judith Horsley, geb. Elfriede Salinger starb im April 1996 78-jährig in England; ihr Mann James folgte ihr vier Jahre später in den Tod.

Judith/Elfriede hatte Göppingen zwar nie mehr besucht, trat aber wieder in Briefkontakt zu ihrer Freundin aus Kindertagen Liselotte Bailer, geb. Tausch (1918-2020).
Nach dem Tod seiner Eltern im Jahr 2003 brach David Horsley zu einer Reise nach Berlin auf, um das Grab seines Großvaters Albert Salinger zu finden. Er wusste aus Erzählungen seine Mutter, dass Albert Salinger noch 1941 ein reguläres Grab erhalten hatte und hatte ihr versprochen, danach zu suchen. Seine erfolgreiche Mission hat David Horsley anschaulich beschrieben.
Er fand nicht nur das Grab seines Großvaters (und auch das seiner Urgroßeltern Flora und Hermann Rosenthal), er fügte dem Grab von Albert Salinger auch eine weitere Grabplatte hinzu, auf der an Alberts ermordete Ehefrau Milda gedacht wird

Im Jahr 2004 besuchte David Horsley dann auch Göppingen, wo seine Mutter geboren worden war. Hier konnte er den damaligen Leiter des Stadtarchivs Dr. Rueß überzeugen, dass Albert Salinger eines natürlichen Todes gestorben war, belegt auch durch Fotos des Berliner Grabs. Hintergrund war, dass Albert Salinger in allen namhaften Opferdateien fälschlicherweise als ‚in den Osten deportiert‘ geführt worden war.
2025 trat David Horsley mit der Initiative Stolpersteine Göppingen in Kontakt und gab damit den Anstoß für die Stolpersteine der Familie Salinger. Wir danken Herrn Horsley ganz herzlich für die Vielzahl an Informationen, Familienerinnerungen und Fotos.
Die Stolpersteine für Milda, Albert und Elfriede Salinger werden voraussichtlich im Januar 2027 vor dem Haus Poststr. 25 gesetzt werden.
(21.09.2026 kmr)

