Berta Boss, geb. Heimann wurde am 22. Januar 1872 in Laurahütte ( poln. Huta Laura) im damaligen Oberschlesien in eine jüdische Familie geboren. Ihre Eltern waren Emma, geb. Cohn und der Spediteur Wilhelm Heimann. Berta hatte zumindest zwei Geschwister. Ob sie als junge Frau eine Berufsausbildung erhielt, ist nicht bekannt, nach ihrer Verehelichung arbeitete sie mit ihrem Mann als Geschäftsfrau.

Bertas künftiger Mann, Josef Boss stammte auch aus Oberschlesien, er wurde am 21. August 1868 in Zülz (poln. Biala) als Sohn von Ernestine, geb. Breslauer und Adolf Boss geboren. Sein Geburtsort Zülz stand in einer regional ausstrahlenden jüdischen Tradition. Josef lebte seit 1902 in Offenburg, Berta Heimann damals noch in München. Die Trauung der beiden erfolgte am 24. Februar 1903 in Straßburg / Elsaß, wo Josef Boss’ Bruder Dr. Siegfried Boss wohnte und als Arzt praktizierte.

Berta und Josef Boss ließen sich in Offenburg nieder, wo auch ihre drei Kinder geboren wurden: Adolf am 22, Februar 1903, Edith am 16. November 1904 und Erwin am 12. Februar 1906.

Edith Boss

Am 31. Mai 1910 zog die Familie nach Villingen, wo Berta und Josef ein Damen- und Mädchenbekleidungsgeschäft in der Oberen Str. 1 eröffneten. Heinrich Schidelko vom Verein ‚Pro Stolpersteine Villingen-Schwenningen‘ hat zum Kaufhaus Boss Folgendes ermittelt:

„Es war mit seinen 8 – 10 Angestellten eines der großen Kaufhäuser der Stadt, das in der damaligen Tageszeitung, dem Villinger Volksblatt, Ende der zwanziger Jahre mit sehr großen Werbeanzeigen oder besonderen Aktionen Aufmerksamkeit erregte. So wurden die Villinger Bürger an einem Samstag oder Sonntag von 15-18 Uhr zu einem Frühjahrskonzert aus dem historischen Erker eingeladen, Oben spielte eine Blaskapelle und die Fenster wurden dazu geöffnet – unten hörten die Bürger zu. Es gab auch mindestens einmal einen verkaufsoffenen Sonntag im Kaufhaus Boss, wie im Villinger Volksblatt zu lesen war.“

Villingen Obere Str. Kaufhaus. Boss. Quelle Stadtarchiv V-S

Auch wenn Berta in Süddeutschland inzwischen ‚zu Hause‘ war, muss sie immer noch einen Bezug zu ihrer Geburtsregion gehabt haben. Als im Frühjahr 1921 eine Volksabstimmung über den nationalstaatlichen Verbleib oberschlesischer Gebiete anberaumt wurde, reiste sie als eine von fünf BürgerInnen aus Villingen in ihre Geburtsstadt, um vor Ort an der Abstimmung teil nehmen zu können. Man darf unterstellen, dass sie für den Verbleib der Region im Deutschen Reich votiert hat.

Berta und Josef Boss galten im Urteil von Geschäftspartnern und Nachbarn als tüchtige und persönlich bescheidene Geschäftsleute. Die Wirtschaftskrise Ende der 1920er / Anfang der 1930er setzte ihrem zunächst gut laufendem Unternehmen aber zu, hinzu kam, dass Kredite für den Umbau des Geschäftshauses, der in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre erfolgt war, abbezahlt werden mussten.


Die 1930er Jahre brachten für Berta zunächst Erfreuliches: Ihr ältester Sohn Adolf hatte erfolgreich sein Medizinstudium in Freiburg abgeschlossen und arbeitete als Arzt am Virchow – Krankenhaus in Berlin. Hier heiratete er 1930 die drei Jahre jüngere Modezeichnerin Josefine Stapenhorst, die aus einer nichtjüdischen evangelischen Familie stammte. Und am 28.Oktober 1932 kam Bertas erstes Enkelkind auf die Welt: Valentin Josef Boss.

Adolf und Valentin Boss
Josefine Boss

Auch Bertas Tochter Edith fand einen Ehepartner: Im Oktober 1934 heiratete sie den Maschinenbauingenieur Karl Seufert, der 1898 in Durlach / Karlsruhe in eine evangelische Familie geboren wurde. Karl war ein Gegner des Nationalsozialismus und die Eheschließung mit einer ‚Jüdin‘ war wahrscheinlich auch ein Ausdruck seiner politischen Haltung. Edith und Karl, die seit 1935 zusammen in Karlsruhe lebten, bekamen ein Kind, doch ihre Tochter, die den Vornamen ihrer Mutter erhalten sollte, starb schon kurz nach der Geburt im Jahr 1936.

Kennkarte Edith Seufert

Die NS – Diktatur griff in alle Lebensbereiche von Bertas Familie ein. Zur verschärften wirtschaftlichen Lage des Villinger Kaufhauses schreibt Heinrich Schidelko:

 „Als dann zur Zeit des Nationalsozialismus die Schikanen, Einschränkungen und Bedrohungen immer größer wurden, ging die Zahl der Kunden stark zurück. So musste er ( = Josef Boss, kmr) mit seiner Frau Berta im November 1935 das Geschäft aufgeben. Er verkaufte das Haus unter Wert und zog im März 1936 nach Stuttgart um.“

Berta, Josef und später Erwin Boss wohnten in Stuttgart zunächst in der Reinsburgstr.  185 im Adressbuch von 1939 findet man den Eintrag von ‚Boss, Josef Privatier‘ als Mieter in der Scharnhorststr. 19 (seit 1946: Rathenaustraße), die in der Weißenhofsiedlung gelegen ist.

Der Hauseigentümer und die Hausmitbewohner waren nach Nazi – Kriterien ‚arisch‘, bei den Einträgen im Stuttgarter Adressbuch von 1940 fehlen die zusätzlichen Zwangsvornamen, ‚Sara‘ bzw. ‚Israel‘, die jüdische Deutsche tragen mussten.

Der 22. Dezember 1939 wird ein trauriges Datum in Bertas Leben gewesen sein, denn ihr Ehemann Josef starb mit 71 Jahren im Stuttgarter Marienhospital. Er wurde auf dem Stuttgarter Pragfriedhof begraben, wo noch heute das Familiengrab existiert.

Vermutlich zog nach Josefs Tod Bertas Tochter Edith Seufert nach Stuttgart. Dem Adressbuch von 1941 kann man entnehmen, dass „Boß, Berta Sara We“ zunächst weiter unter der bisherigen Adresse wohnen konnte. Im Lauf des Jahres 1941 wurde die Witwe aber aus ihrer Wohnung in der Scharnhorststrasse vertrieben, sie musste in die Stuttgarter Wannenstr. 16 umziehen, einem Haus, das dem jüdischen Juristen Dr. Robert Mainzer und seiner Frau Helene gehörte.

Vorausgegangen war aber eine Katastrophe in Bertas Leben: Am 1. Dezember 1941 wurden ihre erwachsenen Kinder Erwin Boss und Edith Seufert von Stuttgart aus nach Riga deportiert, wo sie zunächst im Ghetto – Außenlager Jungfernhof unter lebensbedrohlichen Verhältnissen leben mussten. War die Deportation auch der Anlass, dass ihre Mutter aus der vertrauten Wohnung verdrängt wurde? Aus etwa der gleichen Zeit, nämlich vom Oktober / November 1941 ist ein kurzer Film über den sogenannten ‚Judenladen‘ erhalten, der im April 1941 in der Stuttgarter Seestraße 39 eingerichtet wurde. Zeitzeugen erkannten in diesem Film auch Berta Boss. Leider ging dieses Wissen verloren, so dass uns kein Bild von Berta Boss vorliegt. Zu den Hintergründen des ‚Judenladens‘ schreibt Maria Zelzer in ihrem Buch ‚Wege und Schicksal der Stuttgarter Juden‘: „Jegliche Lebensmittel, die bewirtschafteten und die freien, durften nur in Judenladen gekauft werden, Zuwiderhandlungen wurden mit KZ bedroht. Nachdem die Juden seit September 1941 den Stern tragen mussten, durften sie auch keine Straßenbahn mehr benützen. Es musste also jemand aus Bad Cannstatt oder Vaihingen wegen eines Brotes zu Fuß in die Seestraße, und es konnte vorkommen, dass er schroff abgewiesen wurde, weil die Ware eben nicht da war.“ Bertas Stuttgarter Wohnadressen lagen zwar nicht extrem weit vom ‚Judenladen‘ entfernt, aber allein der Gang dorthin als ‚Sternträgerin‘ dürfte für sie ein Spießrutenlauf gewesen sein.

Vom 7. Februar 1942 datiert eine Liste, auf der Berta Boss und die Namen von vier weiteren jüdischer Frauen aus Stuttgart stehen, die ins Zwangswohnheim im Schloss Weißenstein / Landkreis Göppingen verbracht werden sollten. Wann die NS – Behörde dieses Vorhaben genau umgesetzt hat, ist nicht überliefert, wahrscheinlich aber innerhalb einer Woche nach dem genannten Datum. Insgesamt kamen Anfang Februar 1942 fünfzehn Stuttgarter Jüdinnen und Juden in das verwahrloste Schloss, das seit November 1941 als Zwangswohnheim fungierte. Nach diesem Zuzug befanden sich insgesamt 41 SeniorInnen im Schloss, die Situation wurde beengt. Ob und wenn ja in welchem Umfang Berta Boss Möbel und Einrichtungsgegenstände mit nach Weißenstein nehmen konnte, geht aus den Restitutionsakten nicht hervor. Knapp sieben Monate lebte Berta Boss zwangsweise auf dem Weißensteiner Schloss. Am 20. August 1942 wurde sie zusammen mit 26 weiteren BewohnerInnen nach Stuttgart ins Lager auf dem Killesberg überführt. Nach zwei schrecklich durchlittenen Tagen und Nächten wurden die etwa 1000 Jüdinnen und Juden mit der Bahn in das KZ Ghetto Theresienstadt gebracht. Hier lebte die 70-jährige Berta Boss etwa einen Monat, am 26. September wurde sie ins Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

Auch zwei ihrer Kinder gerieten, wie erwähnt, in die Fänge der Nazis. Edith Seufert, geb. Boss wird in einer Restitutionsakte vom Oktober 1948 zitiert: „Mein Bruder Erwin und ich sind am 1.12.1941 nach Riga deportiert worden. Er ist dann etwa vier Wochen später in dem Lager Salaspils gestorben.“

Das Schicksal von Bertas ältestem Kind, Adolf Boss ist ebenso schrecklich wie das seines jüngeren Bruders. Der Arzt und Kommunist Dr. Adolf Boss, der in Berlin lebte, war mit Frau und Kind schon 1933 aus Nazi-Deutschland geflohen und reiste schließlich 1934 in die UdSSR, um dort in seinem Beruf als Arzt arbeiten zu können. 1938 geriet er in die Fänge des stalinistischen Geheimdiensts und wurde zu einem Straflageraufenthalt verurteilt. Nach einem weiteren Prozess wurde er im Jahr 1942 erschossen. Adolfs Ehefrau Josefine konnte mit ihrem Sohn Valentin nach vielen Schwierigkeiten die Sowjetunion verlassen.

Bertas Tochter Edith, verheiratete Seufert hatte das unwahrscheinliche Glück, die KZ – Torturen zu überleben, am 26. Januar 1945 wurde sie im KZ Thorn bei Danzig befreit. Als sie nach Deutschland zurück kehrte, fand sie kein Zuhause mehr vor, denn auch ihr Ehemann Karl Seufert lebte nicht mehr. Schon im August 1942 war er in einem Feldlazarett in Warschau gestorben.

Karl hatte sich unter Zwang von Edith trennen müssen, denn sobald seine Arbeitgeber erfuhren, dass er mit einer ‚Jüdin‘ verheiratet war, wurde ihm gekündigt. Seine erzwungene berufliche Odyssee endete erst im März 1941, als er bei der Wehrmacht eine Anstellung fand. Dass Edith, die mit einem deutschen ‚Arier‘ verheiratet war (‚Privilegierte Mischehe‘), noch zu dessen Lebzeiten deportiert wurde, ist eine außergewöhnliche Härte und deutet darauf hin, dass die Nazis den Regimegegner Karl Seufert und seine Frau speziell‚bestrafen‘ wollten.

Nach der Befreiung lebte Edith Seufert bis ins Jahr 1948 in einem Lager für ‚Displaced People‘ in Stuttgart – Degerloch. Im September 1949 heiratete sie den selbstständigen Kaufmann Willi Steinmetz und lebte mit ihm bis in den März 1959 in Frankfurt am Main. Als Altersruhesitz wählte sich das Paar die Stadt Garmisch-Partenkirchen. Aber schon nach zwei Jahre wurde Edith erneut zur Witwe. Edith Steinmetz, geborene Boss, verwitwete Seufert starb am 18. Mai 1974 nach längerer Krankheit im Kreiskrankenhaus von Garmisch – Partenkirchen.

Bertas Schwiegertochter Josefine Boss lebte mit Bertas Enkel Valentin zunächst in England, 1959 wanderten sie nach Kanada aus. Valentin Josef Boss wurde Professor an der Mc Gill Universität in Montreal, der Stadt, wo er im Jahr 2015 gestorben ist. Sein einziges Kind, Bertas Urenkelin Sylvia Boss lebt ebenfalls in Kanada.

Aus der näheren Familie Boss wurden in der Shoah ermordet: Bertas Schwager Dr. Siegfried Boss, der in den Tod flüchtete. Seine Witwe Klara Boss, geb. Selten war zur gleichen Zeit wie Berta im KZ Theresienstadt eingesperrt, wo sie am 12. Januar 1943 starb.

Alma Hirschfeld, eine Halbschwester von Bertas Mann Josef wurde im Januar 1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.


Opfer aus der Familie Heimann sind Bertas Bruder Leo Heimann, er starb gewaltsam am 18. Dezember 1944 im KZ Groß Rosen. Bertas neun Jahre jüngere Schwester Else Glaser, geb. Heimann wurde am 29. Juni 1942 zusammen mit ihrem Ehemann Emanuel in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Seit dem 20 Oktober 2021 liegen vor dem Haus Obere Str. 1 in Villingen Stolpersteine als Erinnerung an Berta, Josef, Adolf, Erwin und Edith Boss.

Unser Text basiert auf der gründlicher Vorarbeit von Mitgliedern der Initative Pro-Stolpersteine Villingen Schwenningen e.V. . Ihnen verdanken wir auch die Fotos von Edith, Adolf, Valentin und Josefine Boss.

(kmr. 24.09.2022)